Ausgangssituation: Eine Karriereentscheidung mit Tragweite
Alexander Hoffheim, 40 Jahre alt, erfolgreich und ambitioniert, steht vor einer beruflichen Weggabelung. Als Bereichsleiter eines international tätigen Unternehmens hat er sich in den letzten Jahren einen hervorragenden Ruf aufgebaut. Seine Position bietet ihm Sicherheit, Entwicklungsmöglichkeiten und ein etabliertes Netzwerk. Gleichzeitig hat er eine Einladung von einem Mitbewerber erhalten, der ihn direkt in den Vorstand berufen möchte. Der Wechsel würde mehr Verantwortung, eine höhere Position und möglicherweise eine stärkere persönliche Sichtbarkeit bedeuten.
Die beiden Optionen:
- Im eigenen Unternehmen bleiben:
Vorteile: Vertrautes Umfeld, bestehende Anerkennung, solide Aufstiegsperspektiven.
Nachteile: Langsamerer Karriereweg, Gefahr der Stagnation, keine unmittelbare Veränderung. - Zum Mitbewerber wechseln:
Vorteile: Sofortiger Karrieresprung in den Vorstand, neue Herausforderungen, größere Gestaltungsfreiheit.
Nachteile: Risiko des Scheiterns in einer neuen Kultur, Unsicherheiten in Bezug auf Beziehungen und Erwartungen.
Privates Umfeld:
Alexander ist verheiratet und Vater eines 8-jährigen Sohnes. Seine Frau unterstützt ihn grundsätzlich, betont jedoch die Wichtigkeit eines stabilen Alltags für die Familie. „Du bist ja kaum zu Hause,“ hatte sie kürzlich gesagt, als das Thema Vorstand zur Sprache kam. Dieser Aspekt beeinflusst Alexanders Überlegungen spürbar.
Mit klaren Worten formuliert er zu Beginn des Coachings: „Ich möchte keine falsche Entscheidung treffen. Es geht hier nicht nur um meine Karriere, sondern auch um mein Leben.“
Sitzung 1: Klärung der Ausgangslage und Zielsetzung
Alexander betritt den Coaching-Raum in einer Mischung aus Energie und Spannung. Sein Händedruck ist fest, sein Blick klar, doch seine Haltung wirkt leicht angespannt – die Schultern hochgezogen, die Bewegungen kontrolliert. Während er spricht, ist seine Wortwahl präzise und strukturiert. „Es geht um die Frage: Bleibe ich in meinem sicheren Hafen, oder gehe ich aufs offene Meer?“
Ziele der Sitzung:
- Detaillierte Erfassung der Optionen.
- Klärung der Wünsche und Bedenken hinter jeder Entscheidung.
- Definition der Coaching-Ziele: Klarheit gewinnen, Entscheidungen reflektiert treffen, berufliche und private Aspekte in Einklang bringen.
Besonderer Moment:
Als Alexander von den Erwartungen seiner Familie spricht, werden seine Sätze kürzer. Er vermeidet Blickkontakt und seine Stimme verliert an Lautstärke. „Es ist nicht so einfach, das alles unter einen Hut zu bekommen,“ sagt er nachdenklich. Dies zeigt früh, dass das Privatleben ein bedeutender Faktor ist.
Sitzung 2: Arbeit mit der Entscheidungsmatrix
In der zweiten Sitzung nutzen wir die Entscheidungsmatrix, um die Vor- und Nachteile beider Optionen systematisch zu erfassen. Alexander erhält zwei große Plakate, eines für jede Option, auf denen wir die Argumente visualisieren.
Prozess:
- Für die aktuelle Position wählt Alexander Begriffe wie „Sicherheit“, „eingespieltes Team“, „Aufstieg möglich“.
- Für den Wechsel zum Mitbewerber schreibt er „neue Perspektiven“, „Karrieresprung“ und „Gestaltungsfreiheit“.
- Auf der Nachteilseite für den Verbleib: „Langsame Entwicklung“, „Routine“.
- Auf der Nachteilseite für den Wechsel: „Ungewisses Umfeld“, „Risiko“.
Körperliche Reaktion:
Während er schreibt, ist Alexanders Haltung kontrolliert, fast methodisch. Doch als wir die beiden Plakate nebeneinander betrachten, wird seine Körpersprache offener. Er neigt sich vor, gestikuliert mit den Händen, als wolle er die Optionen abwägen. „Beides hat seinen Reiz,“ sagt er nachdenklich, „aber auch seine Tücken.“
Erkenntnis:
Die Visualisierung gibt Alexander einen ersten Überblick, aber er merkt, dass weitere, tiefergehende Reflexion notwendig ist. „Das hilft mir, die Optionen klarer zu sehen,“ sagt er.
Sitzung 3: Einsatz von Bodenankern
In der dritten Sitzung arbeiten wir mit Bodenankern, um die Entscheidung buchstäblich begehbar zu machen. Im Raum legen wir Positionen für „Verbleib im Unternehmen“, „Wechsel zum Mitbewerber“ und „eine Zwischenposition“ fest.
Prozess:
Alexander stellt sich nacheinander auf die Bodenanker und beschreibt, wie sich die jeweilige Option anfühlt.
- Beim Verbleib im Unternehmen steht er stabil, die Füße fest auf dem Boden, die Arme verschränkt. „Es fühlt sich vertraut an, fast ein bisschen bequem,“ sagt er.
- Beim Wechsel steht er leicht nach vorne gelehnt, mit einer Hand in der Hosentasche. „Das ist spannend, aber auch unsicher.“
- Für die Zwischenposition beschreibt er: „Vielleicht könnte ich eine Verhandlung führen, um im jetzigen Unternehmen mehr Gestaltungsspielraum zu bekommen.“
Körperliche Reaktionen:
Die Übung bringt Bewegung in Alexanders Gedankenprozess. „Ich merke, dass ich das Vertraute schätze, aber es zieht mich auch in die Veränderung,“ sagt er mit einem nachdenklichen Blick.
Sitzung 4: Arbeit mit dem Wertequadrat
Die vierte Sitzung konzentriert sich auf Alexander persönliche Werte. Mit dem Wertequadrat (Schulz von Thun) identifizieren wir zentrale Prinzipien, die seine Entscheidung prägen.
Prozess:
- Alexander wählt „Sicherheit“ als einen seiner wichtigsten Werte und beschreibt, dass dieser eng mit Verantwortung für seine Familie verbunden ist.
- Dem gegenüber steht „Gestaltungsfreiheit“, die er als notwendige Grundlage für berufliche Erfüllung sieht.
- Die Ergänzung von „Flexibilität“ und „Stabilität“ hilft ihm, die Werte in Balance zu bringen.
Besonderer Moment:
Als Alexander über die Bedeutung von „Sicherheit“ spricht, wird seine Stimme ruhiger, sein Blick suchender. „Es geht nicht nur um die Sicherheit meiner Position, sondern auch darum, was ich meiner Familie bieten kann,“ sagt er. Dies führt zu einer intensiven Auseinandersetzung mit seiner Rolle als Vater und Ehemann.
Sitzung 5: Arbeit mit dem Tetralemma
In der fünften Sitzung bringen wir zusätzliche Perspektiven in den Entscheidungsprozess. Mit dem Tetralemma (Varga von Kibéd) betrachten wir neben den beiden Hauptoptionen auch mögliche Alternativen.
Die Perspektiven:
- „Im Unternehmen bleiben.“
- „Zum Mitbewerber wechseln.“
- „Etwas ganz anderes.“
- „Nichts von beidem.“
Prozess:
Alexander reflektiert besonders intensiv über die dritte Perspektive: „Etwas ganz anderes könnte bedeuten, mich für ein anderes Unternehmen oder eine völlig neue Richtung zu entscheiden.“ Während er spricht, verändert sich seine Haltung. Er lehnt sich zurück und legt die Hand ans Kinn, ein Zeichen nachdenklicher Offenheit.
Sitzung 6: Integration und Probeszenarien
Die vorletzte Sitzung nutzt die bisherigen Erkenntnisse, um Szenarien durchzuspielen. In einem Rollenspiel verhandle ich mit Alexander aus der Perspektive seines aktuellen Vorgesetzten. Wir simulieren ein Gespräch, in dem er mehr Gestaltungsspielraum im aktuellen Unternehmen fordert.
Beobachtungen:
Alexander spricht mit klarem Ton und sicherer Haltung. „Ich möchte in meiner Rolle mehr strategische Verantwortung übernehmen,“ sagt er, während seine Hände ruhig auf dem Tisch liegen. Dies zeigt, dass er seine Position gefestigt hat.
Sitzung 7: Abschluss und Entscheidung
Die letzte Sitzung dient der Reflexion und Entscheidungsfindung. Alexander beschreibt, dass er sich nach intensiver Abwägung für den Verbleib im Unternehmen entschieden hat, jedoch unter der Voraussetzung, dass ihm mehr Verantwortung und Spielraum eingeräumt werden.
Seine Begründung:
„Ich schätze das Vertraute und die Sicherheit, aber ich brauche auch mehr Möglichkeiten, um mich zu entwickeln.“ Seine Stimme ist ruhig und klar, seine Haltung entspannt.
Fazit:
Dieser Coaching-Prozess half Alexander, eine fundierte und reflektierte Entscheidung zu treffen, die sowohl berufliche als auch private Aspekte berücksichtigt. Der Einsatz von Methoden wie der Entscheidungsmatrix, Bodenankern, dem Wertequadrat und dem Tetralemma ermöglichte es ihm, die Komplexität seiner Situation strukturiert und kreativ zu durchdringen.
