Johannes Narbeshuber: Im Gespräch mit Ali Mahlodji. Warum Verantwortung eine innere Entscheidung ist und keine Rolle.
Verantwortung ist keine formale Rolle. Sie ist eine innere Positionierung.

Innere Klarheit. Wirksame Führung. Über den Moment, in dem man aufhört, auf Erlaubnis zu warten.

Es gibt Menschen, mit denen man seit Jahren immer wieder ins Gespräch kommt – und die einen jedes Mal anders treffen. Ali Mahlodji ist so jemand. Wir kennen uns schon lange, haben uns in verschiedenen Kontexten getroffen, und ich weiss nach jedem Gespraech ein bisschen mehr darüber, was Verantwortung wirklich bedeutet.

Was mich an Ali beeindruckt, sind nicht die Awards – davon hat er viele, vom UN World Summit Award bis zum International Coach of the Year. Was mich beeindruckt, ist die Art, wie er seine eigene Geschichte denkt. Nicht sentimental. Nicht als Heldenreise. Sondern als Pruefstein.

Über hundert Absagen – und was danach kam

Ali erzählt beiläufig von einer Zeit, die alles andere als beiläufig war: Als Jugendlicher und junger Erwachsener hat er über hundert Bewerbungen geschrieben. Über hundert Absagen erhalten. Kein stilles Scheitern – sondern ein strukturelles. Er passte nicht ins Raster. Nicht wegen mangelnder Fähigkeiten. Wegen Herkunft, Sprache, Biografie.

Irgendwann wurde klar: Eine weitere Bewerbung würde an der Situation nichts ändern. Das System war nicht bereit, ihn vorgesehen zu haben.

Der entscheidende Moment war nicht die hundertste Absage. Der entscheidende Moment war die innere Entscheidung, nicht länger auf ein System zu warten, das ihn nicht eingeplant hatte.

Verantwortung beginnt dort, wo man aufhört, auf Erlaubnis zu hoffen.

Ali beschreibt diesen Punkt nicht als Triumph. Er beschreibt ihn als Zumutung. Und genau das ist es, was mich daran nicht loslasst.

Die Zumutung der Verantwortung

In meiner Arbeit mit Führungskräften begegnet mir dieses Muster regelmäßig – nur in anderen Kleidern. Menschen, die formal Verantwortung tragen, aber innerlich noch auf etwas warten. Auf ein Signal. Auf Zustimmung. Auf ein günstigeres Umfeld. Auf einen Moment, der die Entscheidung leichter macht.

Ich begleite Menschen, deren Fehlentscheidungen viel Geld kosten. Aber noch häufiger begleite ich Menschen, bei denen das Nicht-Umsetzen guter Entscheidungen noch teurer ist. Und fast immer liegt der Grund nicht in der Analyse. Die Entscheidung ist längst vorbereitet, sauber abgestimmt, inhaltlich richtig. Und trotzdem bleibt sie halbherzig.

Viele Menschen wollen Verantwortung, aber nicht die Zumutung, die damit einhergeht. – Ali Mahlodji

Dieser Satz trifft etwas Praezises. Verantwortung ist keine formale Rolle. Sie ist eine innere Positionierung. Und diese zeigt sich nicht im Denken – sondern im Handeln. Besonders dort, wo es unbequem wird.

Was in Organisationen wirklich passiert

Organisationen sind voll von Rollen – aber oft arm an innerer Autorität. Entscheidungen werden gefällt, aber nicht verkörpert. Das System produziert Bewegung, aber keine Richtung.

Das zeigt sich nicht dramatisch, sondern schleichend. Entscheidungen werden vertagt. Umsetzung wird abgeschwächt. Verantwortung wird delegiert – nicht weil jemand unzuständig wäre, sondern weil niemand bereit ist, den Preis zu zahlen, der mit der Entscheidung einhergeht.

Coaching, das hier nicht konfrontiert, stabilisiert genau diesen Zustand. Wer nur beruhigt, wer absichert, wer harmonisiert – der hilft nicht. Der verwaltet.

Wirksames Coaching klärt, wofür jemand steht. Und was er bereit ist, dafür zu riskieren.

Das ist unbequem. Und es ist notwendig.

Biografie ist kein Schicksal – aber sie wirkt

Was Ali anders denkt als viele: Er behandelt Herkunft nicht als Entschuldigung und nicht als Makel. Er behandelt sie als Material. Als etwas, das man integrieren muss – oder das einen steuert, ohne dass man es merkt.

In meiner Praxis zeigt sich das sehr konkret. Führungskräfte wissen häufig genau, was sachlich richtig wäre. Die eigentliche Frage lautet: Bin ich bereit, den Preis dieser Entscheidung zu zahlen? Und dahinter liegt fast immer eine tiefere Frage: Was habe ich gelernt, wann es sicher ist, wirklich Verantwortung zu übernehmen?

Biografische Muster, unreflektierte Loyalitäten, alte Verletzungen wirken nicht moralisch – sie wirken ökonomisch. Sie beeinflussen Entscheidungen, Prioritäten, Durchsetzungsfähigkeit. Wer das ignoriert, zahlt später. Nicht nur finanziell.

Umsetzung entsteht nicht aus Motivation

Ali hat mir gezeigt, dass Umsetzung nicht aus Motivation entsteht. Sie entsteht aus innerer Stimmigkeit. Menschen setzen um, wenn sie wissen, wofür sie die Zumutung auf sich nehmen. Nicht weil es bequem ist – sondern weil es notwendig ist.

Das ist der Unterschied zwischen einer Entscheidung, die getroffen wurde, und einer Entscheidung, die wirklich getragen wird. Der erste Zustand produziert Protokolle. Der zweite produziert Veraenderung.

Dieser Unterschied ist schwer zu messen. Aber er ist teuer, wenn er fehlt.

Was das für Ihre Führung bedeutet

Die Frage, die Ali mir immer wieder stellt – ohne sie direkt zu stellen – lautet: Worauf warten Sie noch?

Nicht als Appell. Sondern als ernstgemeinte Diagnose. In hochverantwortlichen Kontexten ist Warten selten Klugheit. Es ist meistens die elegantere Form der Vermeidung.

Die innere Entscheidung, Verantwortung wirklich zu übernehmen – nicht formal, sondern existenziell – ist kein Einmalakt. Sie wird täglich neu getroffen. In jedem Meeting, in dem etwas nicht angesprochen wird. In jeder Entscheidung, die noch einen Abstimmungsschritt braucht, obwohl die Sache längst klar ist. In jedem Moment, in dem man innerlich noch auf Erlaubnis wartet.

Verantwortung ist keine Rolle. Sie ist eine Haltung. Die man einnimmt – oder nicht.

Ali Mahlodji st Unternehmer, Autor, Podcaster und Speaker. UNICEF-Ehrenbeauftragter, Integrationsbotschafter des Roten Kreuzes und Mitglied des Forbes Business Council. Ausgezeichnet u.a. mit dem UN World Summit Award und dem International Coach of the Year. Er hat auf Einladung von Kardinal Schönborn im Stephansdom gesprochen und hält jährlich über 140 Keynotes.

Johannes Narbeshuber ist Executive Coach, Organisationsentwickler, Autor und Speaker. Er begleitet Führungskräfte an der Schnittstelle von innerer Entwicklung und organisationaler Wirksamkeit – in Entscheidungssituationen, die zählen.

Innere Klarheit. Wirksame Führung.