Julia Andersch: Die Systemischen Strukturaufstellungen (SySt®)
Julia Andersch, Trigon Entwicklungsberatung, Unternehmensberaterin und Autor

Geschichte und zentrale Begriffe

Integration verschiedener Disziplinen und systemischer Ansätze zu einem eigenständigen Interventionssystem

Matthias Varga von Kibéd und Insa Sparrer haben mit den systemischen Strukturaufstellungen ein Interventionssystem entwickelt, das sich als transverbale Sprache mit einer Grammatik versteht. Matthias Varga von Kibéd studierte Logik, Wissenschaftstheorie, Mathematik und Philosophie und arbeitete als Professor für Logik an verschiedenen Universitäten. Insa Sparrer als studierte Psychologin war jahrzehntelang in eigener Praxis als Psychotherapeutin tätig. In der gemeinsamen Auseinandersetzung vor ihren jeweiligen Hintergründen haben sie die systemischen Strukturaufstellungen aus unterschiedlichen Quellen und mit mehr als 30 Jahren Forschungs- und Anwendungspraxis entwickelt.
Die zentralen Quellen von SySt® sind die Hypnotherapie Milton Ericksons, die lösungsfokussierte Schule von Milwaukee von Steve De Shazer und Insoo Kim Berg, die Rekonstruktions- und Skulpturarbeit von Virginia Satir sowie die Mailänder bzw. Heidelberger systemischen Schulen. Darüber hinaus ist der hypnosystemische Ansatz von Gunther Schmidt sehr bedeutsam (2.7 in diesem Buch), da er eine Brücke zwischen den systemischen Schulen und der Erickson‘schen Hypnotherapie geschlagen hat.
Im Weiteren hatten auf die Entwicklung dieses Ansatzes die Philosophie Ludwig Wittgensteins besonderen Einfluss, der Linguist Alfred Korzybski, der Mathematiker und Logiker George Spencer Brown, der Mathematiker und Logiker Charles Sanders Peirce sowie der Anthropologe und Kybernetiker Gregory Bateson.

Formate, Schemata und logische Strukturen als Basis

Unter dem Begriff Format definieren Varga von Kibéd und Sparrer eine bestimmte Arbeitsform (z.B. die Glaubenspolaritätenaufstellung). Jeder Arbeitsform liegt ein bestimmtes Schema zugrunde (z.B. das Glaubenspolaritätenschema), das die beiden aus einer logischen Struktur heraus entwickelt haben.
Die Aufstellungsarbeit ist nur eine mögliche Form mit den von Varga von Kibéd und Sparrer entwickelten Schemata zu arbeiten. Aufgrund der allgemeinen logischen Struktur eines Schemas können die daraus entwickelten Formate auch ohne Aufstellungsarbeit auf vielfältige Weise im Coaching angewandt werden.

Transverbale Sprache mit Grammatik

Insa Sparrer und Matthias Varga von Kibéd betrachten die systemischen Strukturaufstellungen als transverbale Sprache mit einer Grammatik. Das Konzept der transverbalen Sprache wird als eine Form der Sprache verstanden, die nicht von Einzelpersonen, sondern nur von der Gesamtheit der Gruppe, dem sogenannten Gruppenkörper, gesprochen werden kann und über die Möglichkeiten der verbalen und nonverbalen Sprache hinausgeht.
Varga von Kibéd und Sparrer haben dabei im Rahmen der nonverbalen Sprache eine weitere Unterscheidungsbildung eingeführt und damit den Begriff der sozial-symbolischen Körpersprache geprägt. Sie sehen diese darin, dass z.B. durch Ausdruck über Gesten, Körperhaltungen oder Stimmlagenveränderungen Beziehungen zu anderen ausgedrückt werden, während die expressive Körpersprache, wie z.B. Halten der Hände vor das Gesicht bei Schrecken oder Freude, eine Aussage über eine Person selbst zum Ausdruck bringt.
Die Sprachform der transverbalen Sprache betont demnach die sozial-symbolische Körpersprache, hat als primäre Sprecherin die Gruppe, die Modellsysteme bildet und basiert auf dem Phänomen der repräsentierenden Wahrnehmung zwischen den Repräsentanten. Die repräsentierende Wahrnehmung ergibt sich wiederrum aus der Reaktion der Repräsentanten auf die Gesamtheit der repräsentierenden Empfindungen im Modellsystem.

Das Erforschen und Systematisieren dieser transverbalen Sprache ist ein zentrales Interesse von SySt®, weil durch die Grammatik das Lehren und Lernen ermöglicht wird. Im Gegensatz zu den meisten anderen Schulen der Aufstellungsarbeit geht der SySt®-Ansatz davon aus, dass nicht Systeme gestellt werden, sondern durch die Art und Weise der Bezogenheit der einzelnen Elemente zueinander Strukturen sichtbar werden. Daher sind Grundlage der Arbeit Formate, die auf typische Strukturen Bezug nehmen, z.B. die Glaubenspolaritätenaufstellung (siehe 3.3.7), die Tetralemma-Aufstellung (siehe 3.3.8), die Problemaufstellung, um nur einige wenige zu nennen. In systemischen Strukturaufstellungen werden neben menschlichen auch abstrakte Systemelemente (z.B. Ziele, Hindernisse, Ideen, Projekte, Organisationen, Körperteile u.v.m.) berücksichtigt. Personen (Repräsentantinnen und Repräsentanten) übernehmen dabei die Repräsentation der einzelnen Teile und werden so aufgestellt, wie sie aus Sicht des Menschen, der das Anliegen hat, der Position im inneren Bild zu dem aufgestellten Thema entsprechen.

Potential und lösungsfokussiert hypnosystemisch

Systemische Strukturaufstellungen sind konsequent lösungsfokussiert, potential- und kompetenzorientiert, basieren auf einer wertschätzenden und nicht wertenden Haltung, sind systemisch-konstruktivistisch und unterschiedsbasiert. Hypnotherapeutische und hypnosystemische Prämissen sind in SySt® integriert und kommen nebst dem Utilisationsprinzip und der Ressourcenorientierung vor allem in der besonderen Beachtung der Ideomotorik und des Sprachgebrauchs zum Ausdruck. Für das Verständnis von SySt® sind die hypnotherapeutischen und hypnosystemischen Prämissen zentral. Wir gehen jedoch an dieser Stelle auf diese nicht weiter ein, weil sie im Kapitel 2.7 ausführlich dargestellt werden.

Syntaktischeres Arbeiten

Der SySt®-Ansatz ermöglicht es durch die auf logischen Grundstrukturen beruhenden Schemata und der aus ihnen abgeleiteten Formate, syntaktischer zu arbeiten. Unter syntaktischer verstehen wir, von Deutungen möglichst abzusehen und stattdessen mehr auf die Struktur einer Fragestellung oder eines Anliegens zu fokussieren. Dies ermöglicht ein vorurteilsfreieres und weniger auf inhaltliche Hypothesen abgestütztes Arbeiten, was sowohl im Coaching als auch in der Beratung wünschenswert ist, da dadurch die Bedeutungsgebungsprozesse stärker in die Verantwortung der Coachees gelangen.

Wie bereits ausgeführt, ist es das Bemühen von Insa Sparrer und Matthias Varga von Kibéd, die Strukturen von Anliegen, Fragestellungen, Problemen etc. zu erfassen, wofür sie Formate entwickelt haben, die auf logischen Grundstrukturen basieren. Der Vorteil von logischen Grundstrukturen ist es, dass in ihnen universell Menschliches abgebildet werden kann, weil sie nicht kulturabhängig sind. Dadurch kann mit den Formaten und Interventionsprinzipien oft gänzlich syntaktisch – also ohne jede Semantik, ohne jeglichen Inhalt, gearbeitet werden. So können Aufstellungen vollkommen verdeckt erfolgen, das heißt, dass weder die Repräsentantinnen und Repräsentanten noch die Gastgeberinnnen und Gastgeber (Leitungsperson der Aufstellung) wissen müssen, worum es beim Anliegen einer Coachee geht, und dennoch oder vielmehr gerade deswegen eine äußerst präzise und nutzenstiftende Arbeit möglich ist. Darüber hinaus bieten syntaktische Formate aber den enormen Vorteil, dass sie erstens direkt auf die Strukturen eines Themas blicken und zweitens Orientierungsideen für Lösungsschritte anbieten. Diese syntaktischere Art des Arbeitens ist gerade auch im Coaching sehr nützlich, wie wir im Weiteren noch konkreter ausführen werden.

Nebst den erwähnten Haltungen der Potential- und Lösungsorientierung sowie der Wertschätzung und des ganzheitlich-systemischen Ansatzes, ist es gerade die Idee der syntaktischeren Arbeit, die den SySt®-Ansatz mit den NPI- bzw. Trigon-Konzepten so kompatibel und leicht verbinden lässt. Denn die zentralen Trigon-Konzepte aus dem Entwicklungsverständnis des NPI (Systemkonzept, Entwicklungsphasen und weitere, s. Kapitel 2.3) haben ebenfalls das Anliegen, auf einer strukturellen Ebene an spezifische Themen heranzugehen. Diese Trigon-Modelle basieren im Gegensatz zu SySt® jedoch nicht auf logischen Grundstrukturen, sondern auf Archetypen. Diese sind im Vergleich zu logischen Grundstrukturen stärker kulturell geprägt aber immer noch kulturübergreifend und repräsentieren grundsätzlich Menschliches, was ein intuitives Verständnis ermöglicht und tiefgehende Berührung bewirkt – wie dies bei auf logischen Grundstrukturen beruhenden SySt®-Formaten ebenfalls der Fall ist. So können also sowohl die Formate von SySt® als auch die Trigon-Konzepte weitgehend syntaktisch verwendet werden.

Kurativ

Eine weitere zentrale Idee von SySt® ist die kurative Verwendung von Grammatik, Schemata und Modellen. Als konstruktivistischer Ansatz ist es SySt® wichtig, wie eben dargestellt Entwicklungsräume anzubieten, um Frage- und Themenstellungen zu betrachten und Interventionsrichtungen abzuleiten, dies jedoch ohne daraus Gesetzmäßigkeiten abzuleiten, die den Anspruch erheben, Wahrheiten zu sein. Deswegen haben Insa Sparrer und Matthias Varga von Kibéd die Idee der kurativen Verwendung eingeführt. Kurativ steht dabei in Abgrenzung zu einer normativen („so muss es sein“) oder deskriptiven („so ist es“) Anwendung von Formaten und Prinzipien. Kurativ meint die kunstfertig-kreative Nutzung solcher Formate und Modelle im Sinne einer experimentierend-neugierigen Haltung: Angenommen, wir betrachten die Fragestellung unter diesen Blickwinkeln – wäre dies hilfreich?
Diese Idee des kurativen Anwendens ist aus unserer Sicht ganz grundsätzlich hilfreich, um von verfestigenden, wertenden und zuschreibenden Tendenzen in der Beratungsarbeit und im Coaching abzusehen.

Systemischer

Durch die starke Orientierung auf logische Grundstrukturen und die Möglichkeit des Verzichts auf Inhalte kann mit SySt®-Ansätzen sehr systemisch gearbeitet werden, wobei die Formulierung „systemisch“ nach Ansicht von Sparrer und Varga von Kibéd gerade dazu einlädt, den Begriff des Systemischen als Eigenschaftskategorisierung zu verwenden, ohne die Kontextabhängigkeit dieser Begriffsverwendung zu berücksichtigen – und dies gerade in dem Bereich, der Kontextabhängigkeit impliziert. Aus ihrer Sicht kann ein Beratungsansatz, eine Handlung usw. nur in Relation zu etwas Vergleichbarem als „systemischer“ beurteilt werden; dann, wenn aus Sicht des Beobachtenden in Bezug auf bestimmte Kriterien ein Fortschritt im Systemischen stattgefunden hat.

So meinen sie, dass das Wort „systemisch“ sich definitorisch verwenden lässt: „Was ist systemisch?“ oder – komparativ: „Wann ist etwas systemischer, d.h. worin besteht ein Fortschritt in dem, was systemisch genannt wird?“ Der Begriff Systemischer hängt nicht davon ab, dass wir den Begriff „systemisch“ verstehen, ähnlich der Aussage von Steve de Shazer: „Wir können verstehen, was besser heißt, ohne zu wissen, was gut heißt.“ Folgende Definition schlägt Matthias Varga von Kibéd für Systemischer vor:

„Eine Erklärung (Theorie, Methodologie, Vorgehensweise, Begriffsbildung, Hypothese, Denkweise, Idee, Therapieform, Intervention…) A ist systemischer als eine Erklärung (Theorie…) B per definitionem genau dann, wenn A in höherem Maße als B erlaubt, von der Zuschreibung von Eigenschaften an Systemelemente abzusehen (zugunsten der Betrachtung von Relationen, Strukturen, Kontexten, Dynamiken und Choreographien).“ (Varga von Kibéd 2005: 229)

Diese Betrachtungsweise ist aus unserer Sicht deswegen so hilfreich, weil im Coaching oder in der Beratung auf diesem Hintergrund nochmals eine Schärfung des Blicks auf Strukturen, Wechselwirkungen und Kontexte, vor allem aber auf Unterschiedsbildung gefördert wird, was unserer Erfahrung nach den Nutzen für die Coachees erhöht.

Was bedeutet das im Coaching?

Coaching im Sinne von SySt® hat viele Implikationen, was die Haltung und Interventionsideen angeht, mit der sowohl dem Coachee als auch seinen Themen begegnet wird. Wir beschreiben hier die spezifisch aus der SySt®-Quelle hervorgegangenen Aspekte und verweisen auf andere in diesem Buch beschriebene Quellen des systemisch-evolutionären Coachings, die mit dem SySt®-Ansatz kompatibel (Entwicklungsverständnis des NPI, Gestalttheorie, Transaktionsanalyse, personenzentrierter Ansatz) bzw. in diesem enthalten sind (hypnosystemischer Ansatz).

Konsequente Wertschätzung und nicht Wertung

Virginia Satirs Aussage: „Betrachte eine Beschreibung schon nur deswegen als falsch, wenn sie nicht wertschätzend ist“, könnte als Überschrift genommen werden für die Art und Weise, wie im Sinne der systemischen Strukturaufstellungen im Coaching vorgegangen wird. Menschen grundsätzlich in ihrem Möglichkeits- und Potentialräumen zu betrachten, Problemschilderungen oder Selbstabwertungen konsequent hypnosystemisch in Kompetenzen und Ressourcen zu reframen und auf wertende Beschreibungen zu verzichten, sind Prinzipien, die die SySt®-Arbeit prägen.

Konsequente Fokussierung auf Lösungen und Unterschiede

Die Prinzipien des lösungsfokussierten Ansatzes von de Shazer/Kim Berg haben ebenfalls einen zentralen Einfluss auf die Coaching-Haltung von SySt®. Ein Coaching im SySt®-Sinne nutzt viele Elemente der lösungsfokussierten Gesprächsführung wie z.B. die Als-ob-Fragen, die Wunderfrage, Arbeit mit Skalen und Ausnahmen, früheren Erfolgserlebnissen u.v.m. Vor allem aber geht SySt® dem lösungsfokussierten Ansatz ebenso folgend wie Wittgensteins letztem Satz aus dem Tractatus davon aus, dass die Lösung eines Problems nicht zwingend mit dem Baumaterial des Problems zu tun haben muss, sondern ganz anders beschaffen sein kann. SySt® fragt nicht nach Zuständen, sondern konsequent nach Unterschieden, um verflüssigend statt festschreibend zu wirken und den Aufmerksamkeitsfokus auf Entwicklung und Prozess zu richten.

Syntaktischeres Zuhören und Fragen

Wenn Coachees Anliegen oder Fragestellungen schildern, hört der SySt®-Coach auf die Strukturen des Anliegens oder der Frage. Dazu stehen einerseits viele Formate zur Verfügung, andererseits weitere Prinzipien der SySt®-Grammatik. So kann der Coach eine Problemschilderung hören und aufgrund der Elemente der Problemdekonstruktion (siehe 3.2.4) Fragen generieren und Reframings anbieten, ohne inhaltlich arbeiten zu müssen, oder bei der Schilderung eines Dilemmas durch die Coachee kann über das Format des Tetralemmas zugehört und gemeinsam mit der Coachee gearbeitet werden. Genauso kann aber auch – um ein weiteres Beispiel zu nennen – die Coach erkennen, dass ein Coachee durch die Reihenfolge der Nennung von Aspekten seiner Situation Elemente einer Aufstellung aufzählt, ohne sich bewusst zu sein, dass er ein Aufstellungsbild erstellt. Dies kann einerseits genutzt werden, um diese unwillkürlichen Bilder im Gespräch oder über räumliche Repräsentation mit Bodenankern oder Symbolen bewusster und externalisierter zu machen, andererseits können daraus durch grammatische Prinzipien konkrete Interventionen abgeleitet werden.

Um ein einfaches Beispiel zu geben: Wenn eine Coachee ein Element A zuerst nennt vor einem Element B, stellt sie unwillkürlich B in die Welt von A, das heißt A bildet den Hintergrund für B. Wenn dies für die Coachee ein belastetes Bild ist, kann allein dadurch ein potentiell hilfreicher Unterschied gebildet werden, wenn der Coachee angeboten wird, zu untersuchen, wie es sich auswirken würde, wenn A in die Welt von B gestellt würde, bzw. wenn A und B aus einer gemeinsamen Sichtweise den Hintergrund für ein Thema C bilden. Über solch einfache Erwägungen hinaus bieten weitere aus der Aufstellungsarbeit entwickelte grammatische Prinzipien einen großen Schatz an syntaktischen Möglichkeiten der Intervention.

Systemische Gestik – sozial-symbolische Körpersprache

Mit dem gerade Beschriebenen im Zusammenhang steht die systemische Gestik. Die Idee der systemischen Gestik beruht auf der sozial-symbolischen Repräsentation der Körpersprache. Körpersprache hat zwei Ausdrucksformen – die expressive, die sehr kultur- und persönlichkeitsabhängig ist und die oft zu falschen Deutungen oder Missverständnissen führt, weil eine Geste oder Mimik anders interpretiert wird, als sie gemeint wurde. Die sozial-symbolische Körpersprache, die bei SySt® im Vordergrund steht, ist jedoch nicht kulturabhängig und muss auch nicht im Sinne einer Interpretation gedeutet werden. Durch die Verwendung von Formaten ermöglicht sie vielmehr syntaktische Hinweise, wenn darauf geachtet und damit gearbeitet wird. Zum Beispiel wird jeder Mensch, wenn er hin und her gerissen ist, in irgendeiner Weise dies über Körpersprache zum Ausdruck bringen, z.B. über abwägende Gesten mit den Händen, über ein leichtes Hin-und-Her-Wiegen der Schultern oder durch andere unwillkürliche körpersprachliche Ausdrucksformen. Dabei geht es nicht darum, wie stark oder durch welche konkrete Geste dieses Abwägen zum Ausdruck gebracht wird. Vielmehr geht es um das unwillkürliche Muster des Abwägens, welches sichtbar wird. Und dieses ist wiederum universell und kann syntaktisch wahrgenommen werden, um Fragen zu entwickeln oder Ideen für die Wahl von Formaten für Interventionen zu bekommen. So könnte man sagen, dass Menschen beim Sprechen und Schildern einer Situation mit ihren Händen bzw. ihrem Körper Aufstellungen machen, ohne sich dies bewusst zu sein. Dies können wir, wenn wir beginnen darauf zu achten, z.B. im Coaching nutzen. Nicht nur dadurch, dass uns ein Coachee unwillkürlich über seine Gestik auf Ideen bringen kann, aufgrund welcher Formate wir Fragen stellen könnten, sondern auch, indem wir unsere eigene Gestik gezielt einsetzen, um beim Coachee Suchprozesse auszulösen. Um das vorhin erwähnte Beispiel nochmals aufzugreifen: Wenn ein Coachee hin und her gerissen ist, sich in einem Dilemma befindet (Positionen 1 und 2 des Tetralemmas), können wir dies aufgreifen, um ihm mittels eigener Gestik die beiden Positionen räumlich vor Augen zu führen, um dann über weitere Handbewegungen und entsprechende Fragen die weiteren Positionen des Formats (Beides, Keines von Beidem, Negation des Tetralemmas) einführen, was eine deutlich stärkere Wirkung auf den Coachee hat, als wenn die Fragen ohne die sozial-symbolische Körpersprache verwendet werden. So haben Varga von Kibéd und Sparrer zu vielen ihrer Formate entsprechende systemische Gestiken entwickelt, die gerade im Coaching sehr nützlich sind.

Einbezug der Körperwahrnehmung

Ähnlich wie in der hypnotherapeutischen bzw. hypnosystemisch geprägten Arbeit bezieht SySt® den Körper systematisch in die Arbeit an Themen ein. In der eigentlichen Aufstellungsarbeit ist dies sowieso der Fall, weil die sogenannten Repräsentantinnen und Repräsentanten immer nur nach Unterschieden in ihrer Körperwahrnehmung gefragt werden, um Hinweise für Umstellungen oder Prozessarbeit zu bekommen. Aber auch ohne dass mit formalen Aufstellungen gearbeitet werden muss, können Coachees immer wieder nach Unterschieden gefragt werden, die sie aufgrund von Fragen oder Interventionen körperlich wahrnehmen. Eine konkrete von SySt® verwendete Idee ist es, verschiedene Formulierungen in ihrer Auswirkung auf das körperliche Empfinden des Coachee hin zu testen. Diese sogenannten „semantischen Reaktionsdifferenzierungen“ (eine Idee, die auf Alfred Korzybski zurückgeht) umfassen die Gesamtheit der kognitiven, emotionalen und physiologischen Reaktionen, die durch Sprache ausgelöst werden. Dabei handelt es sich um eine gerade in Coachings äußerst hilfreich und leicht einzusetzende Methode: Der Coachee schlägt eine Formulierung vor, wie er z.B. seinem Vorgesetzten eine Rückmeldung geben will. Diese Formulierung wird vom Coach dann im gleichen Tonfall wiederholt und der Coachee achtet auf Unterschiede in seiner Körperwahrnehmung. Dabei können dann verschiedene Varianten der Formulierung ausgetestet werden und je angenehmer sich die Unterschiede anfühlen, umso hilfreicher ist potentiell die Formulierung. So kann im Coaching über diese semantischen Reaktionsdifferenzierungen einerseits das Bewusstsein für die Wirkung innerer und äußerer Dialoge beim Coachee gestärkt werden, andererseits können konkrete Formulierungen erarbeitet werden, z.B. für anstehende Gespräche.

Wertvolles aus dem SySt®-Ansatz für das systemisch-evolutionäre Coaching

  • Die reichhaltige und klare Grammatik der systemischen Strukturaufstellungen ermöglicht ein syntaktischeres Arbeiten: Die Strukturen von Themen werden erfasst und Orientierungsangebote ermöglicht, ohne dass inhaltliche Hypothesen dafür notwendig sind. Damit erfüllt dieser Ansatz eines der grundlegenden Gebote der Idee des Coachings, die Verantwortung für die Inhalte und Lösungen ganz bei der Coachee zu belassen und als Coach nur für den Prozess Verantwortung zu übernehmen.
  • Die Idee der kurativen Verwendung der Grammatik ermöglicht es, im Coaching mit hohem Konstruktbewusstsein zu arbeiten und dennoch kunstfertig-kreative Angebote von Schemata und Formaten zu machen, um Möglichkeitsräume zu eröffnen.
  • Die konsequente Fokussierung von Wechselwirkungen, Kontexten, Strukturen und Dynamiken sowie das Absehen von Eigenschaftszuschreibungen unterstützt ein systemischeres Betrachten und Vorgehen im Coaching.
  • Ebenso wie die anthroposophisch inspirierten Ansätze des NPI und die Hypnosystemik nutzt der Ansatz von SySt® unwillkürliche Prozesse – in der formalen Aufstellungsarbeit sowieso, aber auch über die systemische Gestik, die Beachtung der Körperwahrnehmung, durch die semantischen Reaktionsdifferenzierungen sowie durch die Grammatik und ihre Formate, die den Einbezug von unwillkürlichen Prozessen und ihre Externalisierung ermöglichen.
  • Die konsequent wertschätzende, potenzial- und lösungsfokussierte Haltung von SySt® ermöglicht einen Entwicklungsraum, der die Coachee darin unterstützt, eine „fortgeschrittene Form von sich selbst“ zu erspüren und ihre Möglichkeitsräume zu erweitern, sei es im (Wieder-)Verbinden mit den eigenen Potenzialen oder im Finden von überraschenden Lösungen.
  • Die konsequente und aufmerksame Beachtung von Sprache und Sprachmustern mit Hinblick auf dadurch ausgelöste semantische Reaktionen ermöglicht dem Coach eine immer differenziertere und feinere Unterschiedsbildung in seinem Sprachgebrauch.

Auszug aus
Johannes Narbeshuber (Hrsg)
In Beziehung. Wirksam. Werden.
Der systemisch-evolutionäre Coaching-Ansatz der Trigon Entwicklungsberatung