Innere Klarheit. Wirksame Führung. Über die Fähigkeit, Unangenehmes ansprechbar zu machen – und warum das eine der unterschätztesten Führungskompetenzen ist.
Es gibt Menschen, die ein Thema betreten – und es dabei gleichzeitig öffnen. Eckart von Hirschhausen ist so jemand. Wir kennen uns seit einigen Jahren, und bei seinem Impuls bei den Rhize Up Days war wieder zu erleben, was seine Arbeit so ungewöhnlich macht: Er spricht über Dinge, die viele lieber verdrängen würden – Erschöpfung, Überforderung, systemische Überlastung, Klimakrise – und macht sie trotzdem zugänglich. Nicht, indem er sie kleiner macht. Sondern indem er sie menschlich macht.
Das Mittel dafür ist Humor. Aber nicht Humor als Ablenkung. Humor als Präzisionsinstrument.
Die Unterscheidung, die zählt
Was mich an Eckarts Arbeit immer wieder beschäftigt, ist eine implizite Unterscheidung, die er konsequent trifft: Leichtigkeit ist nicht das Gegenteil von Ernst. Sie ist oft die Voraussetzung dafür, dass Ernst überhaupt ausgehalten werden kann.
Das klingt auf den ersten Blick wie eine Frage des Stils. Es ist eine Frage der Wirkung.
Wer ein schwieriges Thema mit vollem Gewicht in den Raum stellt, erzeugt häufig das Gegenteil von dem, was er beabsichtigt: Abwehr, Verhärtung, Rückzug. Das Thema landet – aber es wird nicht aufgenommen. Die Botschaft kommt an, aber niemand bewegt sich.
Leichtigkeit schafft den Raum, in dem Schweres sagbar wird.
Das ist keine rhetorische Technik. Es ist ein Verständnis davon, wie Menschen unter Druck funktionieren – und was es braucht, damit sie sich wirklich berühren lassen.
Was das mit Führung zu tun hat
In meiner Arbeit mit Führungskräften begegnet mir täglich die Kehrseite davon. Dinge, die nicht gesagt werden. Themen, die im Raum stehen, aber niemand benennt. Beobachtungen, die jeder macht – und über die trotzdem geschwiegen wird.
Ich begleite Menschen, deren Fehlentscheidungen viel Geld kosten. Aber noch teurer ist oft das Schweigen davor. Die Entscheidung, die nicht getroffen wird, weil das Gespräch davor nicht geführt wurde. Das Feedback, das nicht kommt, weil niemand weiß, wie man es sagt, ohne den anderen zu verletzen. Die Diagnose, die jeder kennt – und die trotzdem nicht auf dem Tisch liegt.
Das ist kein Zeichen von Feigheit. Es ist meist ein Zeichen von fehlendem Handwerkszeug. Führungskräfte wissen häufig sehr genau, was gesagt werden müsste. Was fehlt, ist die Fähigkeit, es so zu sagen, dass es ankommt – ohne zu beschädigen, ohne zu verharmlosen, ohne auszuweichen.
Unangenehmes, das nicht angesprochen wird, verschwindet nicht. Es wirkt – nur unkontrolliert.
Eckart löst dieses Problem nicht mit Empathie-Appellen. Er löst es mit Handwerk. Sein Humor ist kein Weichzeichner – er ist ein Öffner. Er schafft einen Moment der gemeinsamen Menschlichkeit, in dem das Schwere kurz seinen Stachel verliert – lange genug, um es wirklich anzuschauen.
Die Kunst, Zumutbares zuzumuten
Eckart von Hirschhausen arbeitet seit Jahren an einer heiklen Schnittstelle: zwischen Wissen und Wirkung, zwischen Zumutung und Zumutbarkeit. Er bringt Themen auf die Bühne, die gesellschaftlich verdrängt werden – und macht sie dennoch anschlussfähig. Das ist keine Kompromisshaltung. Es ist eine Meisterleistung der Kommunikation.
Was er damit demonstriert, ist etwas, das ich als eine der unterschätztesten Führungskompetenzen überhaupt betrachte: die Fähigkeit, den Kanal zu öffnen, bevor die Botschaft kommt.
In der Führungspraxis zeigt sich das konkret. Eine Führungskraft, die ein schwieriges Thema mit voller Ernsthaftigkeit und ohne jede Lockerheit anspricht, erzeugt oft mehr Widerstand als Bewegung. Nicht weil das Thema falsch wäre. Sondern weil die Form signalisiert: Hier gibt es keinen Spielraum. Hier ist kein Raum für meine Reaktion. Hier muss ich mich verteidigen oder fügen.
Leichtigkeit – richtig eingesetzt – signalisiert das Gegenteil: Ich traue dir zu, das auszuhalten. Wir können das gemeinsam anschauen. Es muss dich nicht vernichten.
Das ist keine Frage des Witzes. Es ist eine Frage der Haltung.
Und diese Haltung lässt sich entwickeln – aber nicht durch Techniken. Sie entsteht durch innere Stabilität. Wer selbst gefestigt steht, kann Schweres leicht halten. Wer innerlich angespannt ist, macht aus jedem schwierigen Gespräch einen Angriff.
Was in Organisationen ungesagt bleibt
Ich erlebe regelmäßig Organisationen, in denen die eigentlich relevanten Gespräche nicht stattfinden. Nicht in den Meetings – sondern auf dem Weg zum Parkplatz. Nicht im Jahresgespräch – sondern in der Kaffeeküche danach. Das ist kein Zufall. Es ist ein Symptom.
Wenn das Klima in einer Organisation keinen Raum lässt für Unangenehmes – wenn Direktheit als Angriff gilt, Kritik als Illoyal, Zweifel als Schwäche –, dann wandert das Wesentliche in den Untergrund. Es verschwindet nicht. Es wirkt weiter, unkontrolliert, in Gerüchten, in passivem Widerstand, in Entscheidungen, die niemand wirklich trägt.
Eckart von Hirschhausens Beitrag ist hier nicht nur inspirierend – er ist strukturell relevant. Eine Organisation, die gelernt hat, Schwieriges ansprechbar zu machen, hat einen entscheidenden Vorteil: Sie kann mit der Realität arbeiten, statt an einem gepflegten Bild davon.
Die teuersten Probleme in Organisationen sind nicht die, die gelöst werden. Es sind die, über die nicht gesprochen wird.
Das verändert sich nicht durch bessere Kommunikationstrainings. Es verändert sich, wenn Führungskräfte selbst lernen, mit Leichtigkeit in schwieriges Terrain zu gehen – und damit anderen zeigen, dass es möglich ist.
Was das für Ihre Führung bedeutet
Die Frage, die Eckarts Arbeit bei mir auslöst, ist keine abstrakte. Sie ist sehr konkret: Welche Themen in Ihrem Umfeld werden gerade nicht angesprochen? Nicht weil sie unwichtig wären – sondern weil niemand weiß, wie man sie anspricht, ohne etwas zu beschädigen?
Das ist die eigentliche Führungsaufgabe. Nicht die Entscheidung selbst – die ist oft klar. Sondern die Fähigkeit, das Gespräch zu eröffnen, das zur Entscheidung führt. Den Raum zu schaffen, in dem das Unbequeme sagbar wird. Und dafür braucht es weder Schonungslosigkeit noch Diplomatie im Sinne von Ausweichen.
Es braucht Leichtigkeit. Die Art von Leichtigkeit, die nur aus innerer Stabilität entstehen kann. Die nicht verharmlost, sondern ermöglicht.
Wer Unangenehmes ansprechbar macht, schützt seine Organisation vor dem Fehlverhalten mit den höchsten Folgekosten: Realitätsvermeidung.
Dr. med. Eckart von Hirschhausen ist Arzt, Wissenschaftsjournalist, Autor und Moderator. Bekannt durch seine Programme, Bücher und seine Arbeit mit der Stiftung Gesundheit und Klima. Er verbindet medizinisches Wissen mit Humor – nicht um zu unterhalten, sondern um zu erreichen.
Johannes Narbeshuber ist Executive Coach, Organisationsentwickler, Autor und Speaker. Er begleitet Führungskräfte an der Schnittstelle von innerer Entwicklung und organisationaler Wirksamkeit – in Entscheidungssituationen, die zählen.
Innere Klarheit. Wirksame Führung.
