Über radikalen Mut, die stille Revolution der Care-Arbeit – und eine Unternehmerin, die lernte, ihre Erweiterungszone zu lieben.
Es gibt Menschen, bei denen man nicht lange braucht, um zu verstehen, was sie antreibt. Anna Mahlodji ist so jemand. Wir kennen uns seit einiger Zeit, und aus dieser Verbindung ist inzwischen mehr geworden als kollegiale Sympathie – wir bieten gemeinsam ein Mentoring-Programm für Selbständige an, weil wir in der Arbeit mit Menschen ähnliche Überzeugungen teilen: dass Wachstum nicht durch Druck entsteht, sondern durch den richtigen Mix aus Herausforderung, Unterstützung und dem Mut, die nächste Stufe wirklich zu wollen.
Bei den Rhize Up Days saßen Anna, Ali, Johannes und ich gemeinsam für einen Live-Podcast zum Thema radikaler Mut. Was mich in diesem Gespräch am meisten beeindruckt hat, war ein Moment, in dem Anna über die Aufteilung der Care-Arbeit mit Ali sprach – so direkt, so selbstverständlich, so ohne das Entschuldigende, das Frauen in diesem Zusammenhang so häufig in die Stimme legen. Sie sagte sinngemäß: Wir haben das von Anfang an als gemeinsames Projekt verstanden. Nicht als mein Thema, das er unterstützt. Als unseres. Und dieser Satz hat im Raum etwas verändert. Nicht weil er neu wäre. Sondern weil er so klar und unverkrampft gesagt wurde, dass er plötzlich selbstverständlich klang – obwohl er es in den meisten Lebensrealitäten noch nicht ist.
Was ich in diesem Moment gespürt habe, war eine Art stille Erleichterung. Das ist möglich. Es klingt so. Es fühlt sich so an. Und wenn es jemand wie Anna so sagt – mit dieser Energie, mit diesem Drive, mit dieser Leichtigkeit –, dann wirkt es nicht wie ein Postulat, sondern wie ein Erfahrungsbericht.
Was radikaler Mut wirklich bedeutet
Mut ist ein Wort, das schnell groß klingt und damit auch schnell leer wird. Radikaler Mut erst recht. In unserem Gespräch haben wir versucht, ihm etwas Konkretes zu geben – und was dabei herauskam, war weniger heroisch als erwartet, aber dadurch umso brauchbarer.
Radikaler Mut ist nicht die Abwesenheit von Angst. Das ist eine Verwechslung, die viele Menschen lähmt: Sie warten darauf, sich mutig zu fühlen, bevor sie handeln. Aber Mut als Gefühl kommt meistens nicht vor der Entscheidung, sondern danach. Der Psychologe Rollo May hat Mut als die Fähigkeit beschrieben, trotz Angst voranzugehen – nicht ohne sie. Das ist ein entscheidender Unterschied. Mut setzt Angst voraus. Wer keine Angst hat, braucht keinen Mut. Wer Angst hat und trotzdem handelt – der übt Mut.
Anna verkörpert das auf eine Art, die man spürt, bevor man es begreifen kann. Sie hat ein FoodTech-Startup mitgegründet und jahrelang als COO geleitet. Sie ist durch 2 Minuten 2 Millionen einem breiten Publikum bekannt geworden. Heute arbeitet sie als Ernährungsberaterin, baut einen Podcast auf, entwickelt neue Formate – und tut das alles mit einer Leichtigkeit, die nicht aus Sorglosigkeit kommt, sondern aus einer geübten Haltung: Ich kenne meine Angst. Ich lasse sie nicht entscheiden.
Das ist es, was ich mit radikalem Mut meine: nicht die große Geste, sondern die tägliche Entscheidung, einen Schritt weiterzugehen, als bequem wäre. Die Bereitschaft, die eigene Erweiterungszone immer wieder neu zu definieren und ihr zu vertrauen – nicht weil man weiß, dass es gut geht, sondern weil man weiß, dass man damit umgehen kann, wenn es schwierig wird.
Care-Arbeit als unternehmerische Frage
Was Anna in unserem Podcast-Gespräch zur Aufteilung von Care-Arbeit gesagt hat, ist mehr als eine persönliche Haltung. Es ist eine strukturelle Aussage über das, was unternehmerischen Mut für Frauen oft kostet – und was sich verändert, wenn dieser Kostenposten anders verteilt wird.
Studien zur Gründungsforschung zeigen konsistent: Frauen gründen seltener, wachsen langsamer und nehmen weniger Kapital auf als Männer. Ein wesentlicher Faktor dabei ist nicht fehlende Kompetenz oder fehlender Antrieb. Es ist die asymmetrische Verteilung von Care-Arbeit, die mentale Energie bindet, Risikobereitschaft dämpft und den Handlungsspielraum strukturell einengt. Wer nachts nicht schläft, weil das Kind krank ist, und gleichzeitig früh morgens das erste Meeting hat, entscheidet anders als jemand, der weiß, dass das abgedeckt ist.
Das ist keine Klage. Es ist eine Analyse. Und Annas Beitrag dazu ist, dass sie diese Analyse nicht abstrakt lässt, sondern sie in eine gelebte Alternative überführt. Sie zeigt – mit Ali, mit ihrer Familie, mit ihrer Art zu sprechen –, dass das anders geht. Dass Care-Arbeit ein gemeinsames Projekt sein kann, das unternehmerischen Mut nicht kostet, sondern freisetzt.
Das hat in meiner Arbeit mit selbständigen Frauen eine direkte Entsprechung. Die Frage, wer was trägt – im Haushalt, mit den Kindern, in der Beziehung –, ist keine private Angelegenheit, die nichts mit Unternehmertum zu tun hat. Sie ist eine der relevantesten Kontextbedingungen für das, was jemand wagt und was nicht.
Eine Unternehmerin lernt, ihre Erweiterungszone zu lieben
In meiner Coaching-Praxis begleite ich regelmäßig Frauen, die den Schritt in die Selbständigkeit gewagt haben – und die dann feststellen, dass der eigentliche Schritt nicht die Gründung war, sondern das, was danach kommt: das Wachsen über sich hinaus, das Denken in Größenordnungen, die sich zunächst fremd anfühlen, das Überschreiten von Grenzen, die man für gegeben hielt.
Eine Klientin, die ich seit rund einem Jahr begleite, hatte sich zu Beginn unserer Arbeit ein klares Bild von dem gemacht, was sie wollte – und von dem, was zu ihr passte. Beides war relativ eng gefasst. Nicht aus Bescheidenheit, eher aus einem eingespielten inneren Kommentar, der jede Ausweitung sofort mit Bedenken quittierte: Das ist nichts für dich. Das ist zu groß. Das traust du dir nicht.
Was wir in der gemeinsamen Arbeit entwickelten, war kein Motivationsprogramm. Es war eine Praxis des kleinen Muts. Konkret: Sie identifizierte regelmäßig einen nächsten Schritt, der sich für sie nach Erweiterungszone anfühlte – nicht nach Überforderung, aber nach echtem Strecken. Einen Vortrag anbieten, den sie sich bisher nicht zugetraut hatte. Ein Angebot formulieren, das größer war als gewohnt. Eine Zusammenarbeit anfragen, bei der sie sich nicht sicher war, ob sie gut genug war.
Was dabei passierte, war zunächst unspektakulär: manche dieser Schritte funktionierten, manche nicht. Aber beides veränderte etwas. Denn was sich veränderte, war nicht in erster Linie der äußere Erfolg – es war die innere Karte. Jedes Mal, wenn sie einen Schritt in ihre Erweiterungszone gegangen war und festgestellt hatte, dass sie damit umgehen konnte, verschob sich die Grenze ein Stück. Was vorher groß gewirkt hatte, wurde normal. Was normal geworden war, ließ Raum für das Nächste.
Wir begannen, diese Schritte zu feiern – nicht im Sinne von Selbstbeweihräucherung, sondern im Sinne von bewusster Anerkennung: Das habe ich getan. Das war ich. Das gehört jetzt zu meiner Geschichte. Diese Geste, die klein klingt, hat neuropsychologisch eine echte Funktion: Sie verankert die Erfahrung im Gedächtnis, stärkt das Selbstbild und bereitet das Nervensystem auf den nächsten Schritt vor. Britta Hölzel würde sagen: Sie trainiert die neuronale Infrastruktur der Zuversicht.
Nach einigen Monaten dachte und handelte diese Frau in Dimensionen, die sie zu Beginn nicht für sich in Betracht gezogen hätte. Nicht weil sie jemand anderes geworden war. Sondern weil sie herausgefunden hatte, wer sie war – wenn sie sich erlaubt, groß zu sein.
Was Unternehmertum mit innerer Arbeit zu tun hat
Anna Mahlodjis Energie hat etwas, das ich selten so klar erlebe: Sie trennt nicht zwischen innerer Arbeit und unternehmerischem Handeln. Für sie gehört beides zusammen. Das richtige Verhältnis zu sich selbst – zum eigenen Körper, zur eigenen Ernährung, zu den eigenen Grenzen und Kraftquellen – ist keine Vorbedingung für unternehmerischen Erfolg, die man irgendwann erfüllt hat. Es ist eine fortlaufende Praxis, die das, was man unternehmerisch tut, erst tragfähig macht.
Das ist ein Gedanke, der in der Selbständigenberatung oft zu kurz kommt. Dort wird über Strategie gesprochen, über Positionierung, über Preise und Angebote. Das alles ist wichtig. Aber die Frage, aus welchem inneren Zustand heraus jemand entscheidet, kommuniziert, Grenzen setzt oder Risiken eingeht – diese Frage ist mindestens genauso relevant. Vielleicht relevanter. Denn Strategie ohne innere Stabilität produziert Aktionismus. Positionierung ohne Selbstkenntnis produziert ein Bild, das nicht trägt.
Was Anna in unserem Mentoring-Programm mitbringt, ist genau diese Verbindung: die Fähigkeit, unternehmerische Fragen in ihrer ganzen Konkretheit zu behandeln – und gleichzeitig das Gespür dafür, wann hinter einer strategischen Frage eine tiefere persönliche Frage steckt, die zuerst beantwortet werden muss.
Was das für Ihre Führung bedeutet
Die Frage, die mir Anna Mahlodjis Denken und Tun mitgegeben hat, ist eine, die ich seitdem regelmäßig stelle – mir selbst und meinen Klientinnen: Wo ist gerade Ihre Erweiterungszone? Nicht die Komfortzone, in der Sie sich sicher fühlen. Und nicht die Panikzone, in der Überforderung das Denken blockiert. Sondern der Bereich dazwischen – der, in dem es sich anspruchsvoll anfühlt, aber machbar. Der, in dem echtes Wachstum entsteht.
Und die zweite Frage: Feiern Sie das, was Sie dort geleistet haben? Nicht als Ritual, nicht als Performance – sondern als bewusste Geste der Anerkennung sich selbst gegenüber. Was wir nicht anerkennen, verankern wir nicht. Was wir nicht verankern, bauen wir nicht auf. Die kleinen Mutschritte, die nicht gefeiert werden, hinterlassen keine Spur – und können deshalb auch nicht tragen, wenn der nächste kommt.
Mut ist keine Charaktereigenschaft, die man hat oder nicht hat. Er ist eine Praxis, die man aufbaut – Schritt für Schritt, Feiern für Feiern, Erweiterung für Erweiterung. Das habe ich von Anna Mahlodji gelernt. Und ich erlebe es täglich darin, was möglich wird, wenn jemand beginnt, genau das zu tun.
Anna Mahlodji ist Unternehmerin, Ernährungsberaterin und Gastgeberin des Podcasts Mahlodjigang. Die studierte Kommunikationswissenschafterin war mehrere Jahre im Medienbereich tätig, bevor sie das FoodTech-Startup Happy Plates mitgründete und als COO leitete. Einem breiteren Publikum wurde sie durch die TV-Show 2 Minuten 2 Millionen bekannt. Heute begleitet sie Menschen beim richtigen Umgang mit sich selbst – in Ernährung, Körperarbeit und persönlicher Entwicklung. Sie lebt mit ihrem Mann Ali Mahlodji und ihren zwei Kindern in Wien.
