Im Gespräch mit Friedemann Schulz von Thun: Wie aus dem Misthaufen Kompost wird.
Prof. Friedemann Schulz von Thun zu Gast bei den Rhize up Days

Über fünf Scheinwerfer auf ein Leben, die Kunst der Reifung – und was eine Unternehmerin lernte, als sie aufhörte, Erfüllung und Erfolg als getrennte Fragen zu behandeln.

Friedemann Schulz von Thun ist 82 Jahre alt, und er sitzt dir gegenüber, schaut dir in die Augen – und erzählt dir von deinem eigenen Leben. Nicht weil er sich wichtig nimmt. Sondern weil er wirklich zuhört. Weil er in Jahrzehnten des Nachdenkens über menschliche Kommunikation und Entwicklung eine Qualität der Aufmerksamkeit kultiviert hat, die man körperlich spürt. Wir haben gelacht. Wir haben einander zugehört. Und ich habe in diesem kurzen Vorgespräch mehr mitgenommen, als ich erwartet hatte.

Bei den Rhize Up Days hat er dann einen Impuls gegeben, der den ganzen weiteren Verlauf der Tage gefärbt hat. Selten habe ich jemanden erlebt, der einen Raum so füllt: mit feinsinnigem hanseatischen Humor, mit Wortwitz, mit einer bildreichen und ausdrucksstarken Sprache, die komplexe Gedanken so selbstverständlich trägt, dass man sie plötzlich als eigene Erfahrung wiedererkennt. Er hat Standing Ovations bekommen. Und die Bilder, die er in die Welt gesetzt hat – allen voran das vom Misthaufen, der zu Kompost werden kann –, waren noch tagelang in den Gesprächen präsent.

Fünf Scheinwerfer auf ein Leben

Schulz von Thun hat sein Buch Miteinander reden 4 – Erfülltes Leben um eine einfache, aber unerschöpfliche Frage herum gebaut: Was ist eigentlich das Wesen der Erfüllung? Seine Antwort ist keine Definition, sondern eine Methode. Er schlägt vor, das eigene Leben mit fünf verschiedenen Scheinwerfern zu beleuchten – und je nachdem, welchen man einschaltet, sieht man etwas anderes. Nicht weil die Wirklichkeit sich ändert, sondern weil jeder Scheinwerfer einen anderen Aspekt sichtbar macht, der im Alltag im Dunkeln bleibt.

Einer dieser Scheinwerfer richtet sich auf das pure Dasein. Auf das, was ist, bevor wir etwas leisten, bevor wir etwas erreichen, bevor wir uns rechtfertigen müssen. Im Gespräch hat er das so formuliert: Allein dass es mich gibt, in einer Welt, die es gibt – dass ich Hände habe, Füße habe, Augen habe, dass wir miteinander reden können. Er selbst nennt das eine Megasensation. Und er meint das nicht metaphorisch. Er meint es als Übung: sich das wirklich vergegenwärtigen, hin und wieder zumindest. Einmal wirklich innehalten und spüren, wie atemberaubend unwahrscheinlich es ist, dass wir hier sind.

Das klingt spirituell. Es ist es auch – aber auf eine sehr bodenständige Art. Schulz von Thun ist kein Mystiker. Er ist ein Psychologe und Kommunikationswissenschaftler, der nach einem langen Berufsleben auf das zurückschaut, was geblieben ist. Und was bleibt, ist nicht die Frage nach dem Erfolg, sondern die Frage nach der Stimmigkeit. Nach dem Gefühl, das Viktor Frankl als Sinnerleben beschrieben hat: nicht etwas, das man sucht, sondern etwas, das sich einstellt, wenn man dem eigenen Leben wirklich begegnet.

Der Misthaufen, der zu Kompost werden kann

Das Bild, das in unserem Gespräch und dann im großen Saal am stärksten gewirkt hat, war das vom Misthaufen. Schulz von Thun spricht offen darüber, dass ein erfülltes Leben kein Leben ohne Wunden, Scheitern und Beschämung ist. Er nennt sie die Sch-Erfahrungen: Schimpf, Schande, Scham, Scheitern, Schuld, Schmerz, Schicksal – alles, was das Leben uns zumutet und von dem wir lieber verschont geblieben wären.

Aber aus diesem Misthaufen, sagt er, kann Kompost werden. Nicht automatisch. Nicht durch Vergessen, nicht durch positives Denken, nicht durch Wegschauen. Kompost entsteht durch Verarbeitung. Durch das Sprechen. Das Durchleuchten. Das nochmalige innerliche Verarbeiten dessen, was wir erlebt und erlitten haben. Das ist der Schritt, der aus schwerer Erfahrung Reifung macht – eine Reifung, die vielleicht ohne den Misthaufen gar nicht möglich gewesen wäre.

Als Coach höre ich in diesem Bild etwas, das ich täglich erlebe: dass die prägendsten Wachstumsschritte meiner Klientinnen und Klienten fast nie aus komfortablen Phasen entstehen. Dass das, was jemandem wirklich Tiefe und Orientierung gibt, häufig aus dem stammt, was er durchgearbeitet hat – nicht aus dem, was reibungslos lief. Schulz von Thun gibt dem eine Sprache, die trifft, ohne zu verharmlosen. Er sagt nicht: Es war gut, dass es so war. Er sagt: Es kann fruchtbar werden – wenn man bereit ist, es zu tragen und zu durchdenken.

Was Erfüllung mit Erfolg zu tun hat

In meiner Arbeit als Coach begleite ich unter anderem selbständige Coaches und Unternehmerinnen – Menschen, die nicht nur wirtschaftlich erfolgreich sein wollen, sondern deren Arbeit auch Ausdruck von etwas sein soll, das größer ist als die Dienstleistung selbst. Diese Verbindung – zwischen dem, was erfüllt, und dem, was trägt – ist schwerer herzustellen, als es von außen aussieht.

Eine junge Unternehmerin, die ich seit ihrer Gründung begleite und die heute sehr erfolgreich ist, hat sich in unserer gemeinsamen Arbeit immer wieder mit zwei Fragen auseinandergesetzt: Was erfüllt mich? Und: Was macht mich erfolgreich? Was ergibt sich, wenn ich beide Antworten zusammendenke?

Was zunächst wie zwei parallele Fragen wirkte, entfaltete sich im Prozess als eine einzige, vielschichtige. Denn wann immer sie Erfolg ohne Erfüllung anstrebte – wenn sie Angebote entwickelte, die funktional gut waren, aber nicht wirklich aus ihr heraus kamen –, fehlte ihr etwas, das sie zunächst nicht benennen konnte. Und umgekehrt: wenn sie das tat, was sie wirklich erfüllte, aber die unternehmerische Frage nach Markt, Positionierung und Wirksamkeit vernachlässigte, blieb die Energie davon wirkungslos.

Die Arbeit, die wir gemeinsam machten, war im Kern das, was Schulz von Thun beschreibt: Scheinwerfer einschalten. Nicht einen, sondern mehrere. Die Frage nach dem Sinn – was will ich wirklich bewirken? Die Frage nach dem Dasein – wer bin ich jenseits meiner Leistung? Die Frage nach dem Misthaufen – welche Erfahrungen haben mich geprägt, und was ist daraus geworden? Und die Frage nach der Stimmigkeit – fühlt sich das, was ich tue, wirklich nach mir an?

Was dabei sichtbar wurde, war keine neue Strategie. Es war eine klarere Verbindung zur eigenen Quelle. Und von dieser Quelle aus ließ sich dann auch unternehmerisch präziser entscheiden: welche Klientel wirklich zu ihr passt, welche Angebote sie mit echter Energie füllen kann, wo sie Grenzen setzen will – und warum. Erfolg und Erfüllung wurden keine konkurrierenden Fragen mehr. Sie wurden zu zwei Aspekten derselben Ausrichtung.

Lebensklugheit als Führungsressource

Was Schulz von Thun mitbringt, wenn er in einen Raum tritt, ist das, was die Griechen Phronesis nannten: praktische Weisheit, die nicht aus Theorie stammt, sondern aus einem langen, ehrlich befragten Leben. Aristoteles unterschied zwischen dem Wissen über etwas und der Fähigkeit, im richtigen Moment das Richtige zu tun. Letzteres lässt sich nicht aus Büchern destillieren. Es wächst durch Erfahrung, Reflexion und die Bereitschaft, aus dem, was einem zugestoßen ist, etwas zu machen.

Für Führungskräfte ist das eine ungewohnte Perspektive. Führungsentwicklung denkt meist in Kompetenzen, in Skills, in Verhaltensrepertoires. Schulz von Thun denkt in Reifung. Und Reifung fragt nicht: Was kann ich jetzt besser? Sie fragt: Was habe ich wirklich verstanden – über das Leben, über mich, über das, was zählt?

Führungskräfte, die wissen, was sie erfüllt, führen anders als solche, die nur wissen, was sie erfolgreich macht. Sie treffen Entscheidungen, die konsistenter sind – weil sie aus einer inneren Mitte heraus kommen, nicht nur aus strategischem Kalkül. Sie halten Unsicherheit besser aus – weil sie einen inneren Halt haben, der nicht von äußeren Ergebnissen abhängt. Und sie begegnen anderen mit einer Qualität der Präsenz, die Schulz von Thun selbst verkörpert: wirklich da sein, wirklich zuhören, wirklich berührt werden können.

Was das für Ihre Führung bedeutet

Die Frage, die Schulz von Thuns Denken bei mir auslöst, ist eine, die ich mir selbst immer wieder stelle – und die ich in Coaching-Gesprächen regelmäßig aufwerfe: Welchen Scheinwerfer haben Sie gerade an? Sehen Sie sich primär durch die Linse Ihrer Leistung, Ihrer Funktion, Ihrer Ergebnisse? Oder gibt es Momente, in denen Sie innehalten und spüren, was da noch ist – jenseits der Rolle, jenseits der Erwartung, jenseits des Erfolgs?

Und die zweite Frage, die vielleicht ungemütlicher ist: Gibt es in Ihrer Geschichte einen Misthaufen, dem Sie noch nicht wirklich begegnet sind? Eine Erfahrung, ein Scheitern, eine Beschämung, die Sie eher abgelegt als durchgearbeitet haben? Schulz von Thun würde nicht fragen, ob Sie darüber sprechen möchten. Er würde fragen, ob Sie bereit sind, darüber nachzudenken – denn das Durchleuchten, das nochmalige innerliche Verarbeiten, ist der Schritt, aus dem Reifung entsteht.

Erfüllung ist keine Belohnung für ein gut geführtes Leben. Sie ist eine Haltung, die man kultivieren kann – durch Aufmerksamkeit, durch ehrliche Selbstbefragung, durch die Bereitschaft, auch das, was schwer war, als Teil des eigenen Lebens anzunehmen und fruchtbar werden zu lassen.

Friedemann Schulz von Thun hat mir in unserem Gespräch etwas gegeben, das ich nicht erwartet hatte: das Gefühl, dass die großen Fragen des Lebens keine abstrakten Fragen sind. Sie sind die konkretesten, die es gibt. Und dass ein Mann, der sein Leben ihrer Erforschung gewidmet hat, mit 82 Jahren noch so neugierig, so präsent, so lebendig ist – das war für mich das schönste Argument dafür, dass es sich lohnt, sie zu stellen.

Prof. Dr. Friedemann Schulz von Thun ist Psychologe, Kommunikationswissenschaftler und einer der bekanntesten deutschsprachigen Sachbuchautoren. Bekannt durch das Modell des Kommunikationsquadrats und das Konzept des Inneren Teams, hat er mit Miteinander reden 4 – Erfülltes Leben ein persönliches und tiefgründiges Buch über die Frage vorgelegt, was ein gutes Leben ausmacht. Er lehrte lange an der Universität Hamburg und ist bis heute als Referent und Denker aktiv.