Johannes Narbeshuber: Im Gespräch mit Gerald Hüther. Warum Würde keine Haltung für Sonntagsreden ist – sondern das entscheidende Führungsinstrument.
Das Gehirn lernt nur dann nachhaltig, wenn es emotional beteiligt ist – wenn etwas wirklich Bedeutung hat.

Innere Klarheit. Wirksame Führung. Über Potenzialentfaltung, den Konjunktiv der Möglichkeit – und was wirklich passiert, wenn Führungskräfte aufhören, Menschen auf ihre Defizite zu reduzieren.

Es war ein Abend, der sich nicht planen lässt. Salzburger Altstadt, ein Gastgarten, der Sternenhimmel über den Dächern. Gerald Hüther, meine Frau Esther und ich saßen nach seinem Auftritt bei den Rhize Up Days lange zusammen. Wir hatten uns schon auf mehreren Veranstaltungen getroffen, aber an diesem Abend entstand etwas Besonderes, ein Gespräch ohne Agenda.

Was mich an Gerald Hüther jedes Mal neu trifft, ist nicht nur die Breite seines Wissens – er ist einer der bekanntesten Neurowissenschaftler im deutschsprachigen Raum. Es ist die Konsequenz, mit der er eine einzige Frage verfolgt: Was brauchen Menschen wirklich, um das zu entfalten, was in ihnen steckt?

Der Konjunktiv der Möglichkeit

Hüther denkt in einer Grammatik, die in Organisationen selten geworden ist: dem Konjunktiv der Möglichkeit. Nicht was ist. Nicht was war. Sondern was werden könnte – wenn die Bedingungen stimmen.

Das klingt nach einer philosophischen Haltung. Es ist eine neurologische Aussage. Das menschliche Gehirn entfaltet sein Potenzial nicht unter Druck, Kontrolle oder Bewertungsangst. Es entfaltet es in Zuständen, die Hüther als begeisterungsfähig beschreibt – Zustände, in denen jemand spürt, dass er mit dem, was er tut, über sich hinauswachsen kann.

Führung, die das ignoriert, arbeitet gegen die Biologie. Sie erzeugt Compliance – aber keine Kraft. Sie erzeugt Anwesenheit – aber keine Energie. Sie erzeugt Ergebnisse – aber keine Entwicklung.

Wer Menschen primär auf ihre Defizite schaut, verhindert genau das, was er zu entwickeln vorgibt.

Das ist keine moralische These. Es ist eine funktionale. Und sie hat direkte Konsequenzen dafür, wie Führung wirkt – oder eben nicht wirkt.

Potenzialentfaltung statt Defizitbehebung

In den meisten Organisationen läuft Personalentwicklung nach einer impliziten Logik: Identifiziere, was fehlt. Behebe es. Wiederhole. Kompetenzmodelle, 360-Grad-Feedbacks, Entwicklungsgespräche – sie sind fast alle auf Lücken ausgerichtet. Auf das, was noch nicht da ist. Auf Abweichungen vom Ideal.

Hüther hält dieser Logik eine andere entgegen: Was wäre, wenn wir stattdessen fragen würden, was bereits da ist – und noch nicht ausreichend gesehen wird?

Das ist kein Wohlfühlansatz. Es ist eine fundamentale Umkehrung der Betrachtungsrichtung. Und sie verändert alles: das Gespräch, die Beziehung, den Raum, den jemand spürt.

Wenn ein Mensch erlebt, dass sein Gegenüber ihn auf sein Potenzial schaut – nicht auf seine Schwächen, nicht auf seine Lücken, nicht auf seine letzten Fehler –, dann verändert sich etwas in ihm neurobiologisch. Das ist keine Metapher. Das Gehirn schaltet buchstäblich in einen anderen Modus. Einen, in dem Wachstum möglich ist.

Würde ist die Voraussetzung dafür, dass ein Mensch das Beste in sich zeigen kann. Nicht die Belohnung dafür.

Dieser Gedanke begleitet mich seit unserem Abend in Salzburg. Würde nicht als etwas, das man verdienen muss . Auch nicht, das automatisch da ist, weil das irgendwo als unveräußerlich festgeschrieben steht. Sondern als etwas, das Führungskräfte anderen geben – oder nehmen. Täglich. In jeder Begegnung.

Was das in der Praxis bedeutet

Ein Beispiel aus meiner Arbeit. Eine Bereichsleiterin – nennen wir sie K. – leitete ein Team von vierzehn Personen in einem Unternehmen, das unter erheblichem Transformationsdruck stand. K. war fachlich stark, loyal gegenüber dem Unternehmen, und sie arbeitete hart. Trotzdem stagnierten die Ergebnisse ihres Bereichs. Die Fluktuation war überdurchschnittlich. Die Stimmung durchgehend angespannt.

Im Sparring wurde schnell sichtbar, was das Muster war: K. führte konsequent aus der Defizitperspektive. Nicht aus Bosheit – aus Gewohnheit. Sie sah zuerst, was fehlte. Was nicht funktionierte. Was zu spät kam. Was nicht dem Standard entsprach. Feedback war bei ihr fast ausschließlich Korrektur. Entwicklungsgespräche drehten sich um Lücken.

Ihr Team funktionierte. Aber es entfaltete sich nicht. Die Menschen taten, was nötig war – aber nicht mehr. Eigeninitiative blieb aus. Ideen wurden nicht eingebracht. Niemand riskierte etwas.

Was wir in der Folgearbeit veränderten, war nicht K.s Fachlichkeit. Wir veränderten ihre Betrachtungsrichtung. Die erste Übung war schlicht: Vor jedem Mitarbeitergespräch drei Minuten investieren und benennen, was diese Person in den letzten Wochen gut gemacht hatte – nicht als Vorsatz zur Freundlichkeit, sondern als ernsthafte Wahrnehmungsübung.

Was sich veränderte, war zunächst subtil. K. begann, Dinge zu sehen, die sie vorher übersehen hatte. Dann begann ihr Team, Dinge zu tun, die es vorher nicht getan hatte. Nach drei Monaten war die Qualität der Gespräche in ihrem Bereich eine andere. Nach sechs Monaten zeigten sich erste messbare Veränderungen in Engagement und Ergebnissen.

Hüther würde das nicht als Wunder bezeichnen. Er würde es als Neurobiologie bezeichnen.

Würde als Führungsinstrument

Was Hüther mit Würde meint, hat wenig mit Feierlichkeit zu tun. Es hat mit einer spezifischen Qualität von Begegnung zu tun: dem Erleben, als Mensch gesehen zu werden – nicht nur als Funktion, Rolle oder Ressource.

In hochverantwortlichen Kontexten gerät das leicht in Vergessenheit. Der Druck ist real. Die Ziele sind konkret. Die Zeit ist knapp. Und so wird Führung funktional – man spricht über Aufgaben, über Zahlen, über Probleme. Über den Menschen, der all das trägt, spricht man seltener.

Ich begleite Menschen, deren Fehlentscheidungen viel Geld kosten. Und wenn ich zurückschaue, was diese Entscheidungen verursacht hat, dann ist es erstaunlich oft eine Dynamik, die mit Würdeverlust zusammenhängt. Teams, die innerlich gekündigt haben. Führungskräfte, die sich nicht mehr zeigen. Menschen, die aufgehört haben zu sagen, was sie wirklich denken – weil die Erfahrung gelehrt hat, dass es sich nicht lohnt.

Das ist nicht abstrakt. Das kostet. In Produktivität, in Qualität, in Entscheidungsgeschwindigkeit, in der Fähigkeit einer Organisation, mit Komplexität umzugehen.

Würde in der Führung ist kein Soft Skill. Es ist die strukturelle Voraussetzung dafür, dass Menschen das einbringen, was wirklich gebraucht wird.

Hüther sagt das nicht als Appell. Er sagt es als Befund. Und nach diesem langen Abend in der Salzburger Altstadt, unter dem Sternenhimmel und ohne Agenda, glaube ich ihm.

Was das für Ihre Führung bedeutet

Die Frage, die Hüthers Denken bei mir auslöst, ist eine, die ich regelmäßig in Coachingprozesse einbringe: Auf was schauen Sie zuerst, wenn Sie an Ihre Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter denken? Auf das, was fehlt – oder auf das, was da ist?

Das ist keine rhetorische Frage. Die ehrliche Antwort sagt viel darüber aus, welche Art von Raum Sie als Führungskraft erzeugen. Und welche Art von Menschen dieser Raum hervorbringt.

Führung, die aus dem Konjunktiv der Möglichkeit denkt, ist anspruchsvoller als Führung, die Defizite verwaltet. Sie verlangt mehr innere Klarheit, mehr Aufmerksamkeit, mehr Bereitschaft, Menschen wirklich zu sehen. Aber sie erzeugt auch etwas anderes: Menschen, die bereit sind, mehr zu geben, als von ihnen verlangt wird.

Wer aus Würde führt, muss weniger kontrollieren. Weil er Menschen entwickelt, die sich selbst führen können.

Gerald Hüther ist Neurowissenschaftler, Autor und einer der bekanntesten Hirnforscher im deutschsprachigen Raum. Er forscht und schreibt zu den Bedingungen, unter denen menschliches Potenzial sich entfaltet – in Schulen, Organisationen und Gesellschaft. Sein Werk verbindet neurobiologische Grundlagenforschung mit konkreten Fragen der Führung und Entwicklung.

Johannes Narbeshuber ist Executive Coach, Organisationsentwickler, Autor und Speaker. Er begleitet Führungskräfte an der Schnittstelle von innerer Entwicklung und organisationaler Wirksamkeit – in Entscheidungssituationen, die zählen.

Innere Klarheit. Wirksame Führung.