Innere Klarheit. Wirksame Führung. Über handlungsfähige Bilder, innere Stille und die Frage, warum Führungskräfte heute mehr Innenwelt-Kompetenz brauchen als je zuvor.
Matthias Horx und ich kennen uns aus verschiedenen Kontexten – er war Keynote Speaker bei den Rhize Up Days, Gastdozent in einer unserer Fortbildungen, und bei der Buchpräsentation unseres „Mindful Leader“ hat er etwas gesagt, das mir seither nicht mehr loslässt:
Mindfulness ist der nahezu zwingende Gegentrend zur Digitalisierung. Wir kommen nicht umhin, uns zu ent-reizen.
Dieser Satz ist kein spiritueller Appell. Er ist eine Strukturdiagnose. Und er trifft etwas, das ich in meiner täglichen Arbeit mit Führungskräften immer deutlicher wahrnehme.
Zukunft lässt sich nicht sagen – nur denken
In Workshops, erzählt Horx, wird er regelmäßig gebeten, »die Zukunft zu sagen«. Seine Antwort ist dann oft ernüchternd – und präzise: Zukunft lasse sich nicht sagen. Sie lasse sich nur denken. Genauer: als Möglichkeitsraum entwerfen.
Wer das verwechsle, lande schnell in Angst oder Zynismus. Beides schlechte Ratgeber für Entscheidungen.
Angst sucht Kontrolle. Zynismus verweigert Gestaltung. Beide Haltungen sind Reaktionen auf eine Welt, die sich schneller verändert, als wir sie verarbeiten können. Und beide erzeugen dasselbe Ergebnis: Lähmung, wo Beweglichkeit gefragt wäre.
Zukunft ist kein Feind, den man kontrollieren muss. Sie ist ein Raum, den man mitgestaltet.
Der Unterschied zwischen diesen beiden Haltungen ist nicht strategisch – er ist innerlich. Er entscheidet sich nicht im Planungsprozess, sondern in der Qualität der inneren Verfassung, aus der heraus eine Führungskraft in die Ungewissheit tritt.
Was Reizüberflutung mit Zukunftsfähigkeit zu tun hat
Hier verbinden sich die beiden Gedanken von Horx auf eine Weise, die ich für hochrelevant halte: Wer dauerhaft überstimuliert ist, verliert genau die Fähigkeit, die für Zukunftsgestaltung gebraucht wird. Die Fähigkeit, Möglichkeitsräume zu denken.
Dauerhafter Reizstrom erzeugt reaktives Denken. Das Gehirn schaltet in einen Modus, der auf unmittelbare Verarbeitung ausgerichtet ist – nicht auf Entwurf. Nicht auf Distanz. Nicht auf das ruhige Durchdenken von Szenarien, die noch nicht existieren.
Führungskräfte, die permanent erreichbar sind, die von Meeting zu Meeting hetzen, die jede Benachrichtigung sofort beantworten – sie sind nicht produktiver. Sie sind reaktiver. Und reaktives Denken ist das genaue Gegenteil von strategischer Urteilskraft.
Wer sich nicht ent-reizt, kann keine handlungsfähigen Bilder entwickeln. Er reagiert nur auf das, was gerade laut ist.
Horx nennt das nicht Schwäche. Er nennt es Systemlogik. Die digitale Infrastruktur ist darauf ausgelegt, Aufmerksamkeit zu binden. Wer dem nicht aktiv entgegenwirkt, wird von ihr geformt – nicht umgekehrt.
Handlungsfähige Bilder als Führungsaufgabe
Was Horx mit »handlungsfähigen Bildern« meint, ist für meine Arbeit ein zentraler Begriff geworden. Es geht nicht darum, die Zukunft richtig vorherzusagen. Es geht darum, Bilder zu entwickeln, die Orientierung geben – die es erlauben, unter Unsicherheit zu entscheiden, ohne in Paralyse zu verfallen.
Das ist eine Fähigkeit, die ich bei Führungskräften sehr unterschiedlich ausgeprägt sehe. Manche können in Ungewissheit stabil stehen und trotzdem klar handeln. Andere brauchen Gewissheit als Voraussetzung für Entscheidungen – und warten deshalb zu lange, bis die Klarheit kommt, die nie vollständig kommt.
Der Unterschied liegt selten in der Intelligenz oder der Erfahrung. Er liegt in der inneren Verfassung. Wer mit sich selbst im Reinen ist, wer seinen eigenen Impulsen nicht ausgeliefert ist, wer in Stille denken kann – der entwickelt handlungsfähige Bilder. Wer ständig unter Reizstrom steht, reagiert auf das Nächste, das auf ihn einprasselt.
Innenwelt-Kompetenz ist keine Soft Skill. Sie ist die Voraussetzung für strategische Urteilskraft.
Ich begleite Menschen, deren Fehlentscheidungen viel Geld kosten. Und wenn ich zurückschaue, was diesen Fehlentscheidungen gemeinsam ist, dann ist es fast nie falsches Wissen. Es ist fast immer ein innerer Zustand, der das Denken eingeengt hat: Druck, Angst, Erschöpfung, der Wunsch nach schneller Auflösung von Ungewissheit.
Was passiert, wenn der Reizstrom nicht unterbrochen wird
Ein Beispiel aus meiner Praxis. Ein Geschäftsführer eines mittelständischen Unternehmens – nennen wir ihn M. – kam zu mir in einem Moment, in dem er selbst nicht mehr wusste, warum er bestimmte Entscheidungen traf. Er war nicht überfordert im klassischen Sinne. Er funktionierte. Aber er funktionierte ausschließlich reaktiv.
Sein Tag begann mit dem Smartphone, noch vor dem Aufstehen. Zwischen sechs Uhr morgens und Mitternacht war er de facto durchgehend erreichbar. Meetings reihten sich aneinander, ohne Puffer. Strategische Themen wurden in den Abend verschoben – und dort von Erschöpfung erledigt, nicht von Urteilsvermögen.
Im Sparring wurde schnell sichtbar: M. hatte aufgehört, in Möglichkeitsräumen zu denken. Wenn ich ihn fragte, wo er sein Unternehmen in drei Jahren sehen wollte, beschrieb er Probleme – keine Richtung. Wenn ich fragte, was er wirklich für richtig hielt, nannte er, was gerade Druck machte.
Das ist kein Versagen von Intelligenz oder Erfahrung. Das ist das Ergebnis eines dauerhaften Reizstroms, der das Gehirn in einem Modus hält, der auf unmittelbare Verarbeitung ausgerichtet ist – nicht auf Entwurf.
Was wir in der Folge veränderten, war zunächst nichts Inhaltliches. Wir veränderten die Struktur. Zwei Stunden pro Woche, die M. explizit für strategisches Denken schützte – offline, ohne Agenda, ohne Ergebnisverpflichtung. Einen Abend pro Woche ohne Bildschirm. Einen Morgen pro Woche, der nicht mit dem Smartphone begann.
Was sich nach einigen Wochen zeigte, war bemerkenswert: nicht mehr Ideen – sondern klarere. Nicht mehr Entscheidungen – sondern entschlossenere. M. begann wieder, in Bildern zu denken. Er konnte wieder benennen, wohin er wollte – und warum. Die strategische Arbeit wurde nicht leichter, aber sie wurde möglich.
Was das für Ihre Führung bedeutet
Die Frage, die Horx‘ Denken bei mir auslöst, ist keine theoretische. Sie ist operativ: Wie viel Reizstrom lassen Sie täglich an sich heran – und wie viel davon ist eine bewusste Entscheidung?
Wie oft denken Sie wirklich – im Sinne von: einen Möglichkeitsraum entwerfen, Szenarien durchspielen, Bilder entwickeln, die Ihnen Orientierung geben? Und wie oft reagieren Sie lediglich auf das, was gerade laut ist?
Das ist keine Frage der Disziplin. Es ist eine Frage der Struktur. Wer keine Zeit schützt, in der er ungestört denken kann, überlässt sein Urteil dem Zufall des Reizstroms. Und das ist – um es in Horx‘ Sprache zu sagen – keine Frage des Stils. Es ist eine Frage der Zukunftsfähigkeit.
Wer sich nicht ent-reizt, kann nicht wirklich führen. Er verwaltet nur das Dringende.
Matthias Horx ist Zukunftsforscher, Publizist und Gründer des Zukunftsinstituts in Frankfurt und Wien. Er gilt als einer der einflussreichsten Trend- und Zukunftsforscher im deutschsprachigen Raum. Seine Arbeit verbindet empirische Analyse mit kultureller Tiefenschärfe.
Johannes Narbeshuber ist Executive Coach, Organisationsentwickler, Autor und Speaker. Er begleitet Führungskräfte an der Schnittstelle von innerer Entwicklung und organisationaler Wirksamkeit – in Entscheidungssituationen, die zählen.
Innere Klarheit. Wirksame Führung.
