Johannes Narbeshuber: Im Gespräch mit Jon Kabat-Zinn. Warum Achtsamkeit unbequem macht. Und wirksam.
Voll da zu sein, während man tut, was notwendig ist

Innere Klarheit. Wirksame Führung. Ein weit verbreitetes Missverständnis kostet Führungskräfte täglich Wirksamkeit.

Achtsamkeit – so das gängige Bild – macht ruhiger, weicher, harmonischer. Wer meditiert, unterbricht seltener. Wer atmet, vermeidet Konflikt. Wer inne hält, gibt nach. In dieser Lesart wird Mindfulness zur Technik der Besänftigung: nett, beruhigend, und im Kern wirkungslos.

Das Gegenteil ist wahr.

Was Präsenz wirklich bedeutet

Jon Kabat-Zinn und ich kennen uns seit einigen Jahren. Wir sind uns auf verschiedenen Wegen begegnet – zuletzt bei den Rhize Up Days, wo wir uns wieder ausführlich austauschen konnten. In diesen Gesprächen beeindruckt mich immer wieder seine ruhige Kompromisslosigkeit gegenüber dem, worum es wirklich geht.

Eine Szene aus seinem Umfeld ist mir bis heute präsent. Er beschreibt einen Manager, der nach einigen Wochen MBSR-Praxis irritiert war – nicht weil die Übungen schwierig gewesen wären, sondern weil sie etwas Unerwartetes auslösten: Er merkte plötzlich, wie ungeduldig er in Meetings war. Er unterbrach schneller. Er sprach Dinge direkter an.

Das fühlt sich nicht sehr achtsam an, sagte der Mann.

Vielleicht sind Sie nicht unachtsamer geworden. Vielleicht sind Sie präsenter. – Jon Kabat-Zinn

Diese kurze Szene enthält mehr über Führung als viele Managementbücher. Präsenz bedeutet nicht Harmonie. Sie bedeutet: Sie sehen, was ist – innen wie außen. Und Sie handeln danach. Ohne sich treiben zu lassen, aber auch ohne zurückzuweichen.

Das Missverständnis, das am teuersten ist

In meiner Arbeit mit Führungskräften begegnet mir ein wiederkehrendes Muster. Menschen kommen mit dem impliziten Wunsch, gelassener zu werden – ohne klarer werden zu müssen. Ruhiger, ohne konsequenter zu handeln. Freundlicher, ohne konflikthaftes Terrain zu betreten.

Das funktioniert nicht. Und es kostet.

Ich begleite Menschen, deren Fehlentscheidungen viel Geld kosten. Aber noch häufiger begleite ich Menschen, bei denen das Nicht-Umsetzen guter Entscheidungen noch teurer ist. Der Unterschied liegt fast nie in der Analyse. Er liegt in der inneren Haltung, aus der heraus gehandelt – oder eben nicht gehandelt – wird.

Wer Achtsamkeit als Einladung zur Harmonie versteht, hat das Wesentliche noch nicht verstanden.

Es geht nicht darum, weniger zu fühlen. Es geht darum, unter dem, was man fühlt, handlungsfähig zu bleiben.

Was in der Praxis passiert

Ein konkretes Beispiel: Eine Führungskraft begleitete eine strategische Neuausrichtung. Alles formal sauber aufgesetzt. Der Widerstand im System war trotzdem erheblich. Die Reaktion darauf war verständlich – und teuer: Meetings wurden vorsichtiger moderiert. Konflikte beschwichtigt. Entscheidungen vertagt, um die Stimmung nicht weiter anzuheizen.

Im Sparring wurde sichtbar, was passiert war: Gelassenheit wurde mit Rückzug verwechselt. Freundlichkeit mit Nachgiebigkeit. Präsenz mit Harmonie.

Die Arbeit der folgenden Wochen bestand nicht darin, die Neuausrichtung neu zu erklären. Sie bestand darin, sie präsenter zu vertreten. Gespräche wurden klarer – nicht lauter. Grenzen wurden benannt, ohne Aggression. Entscheidungen nicht schneller getroffen, aber entschlossener umgesetzt.

Besonders wirksam zeigte sich das in einer langjährigen Rivalität zwischen zwei Bereichen. Die alte Dynamik war vertraut: höflich nach außen, blockierend im Hintergrund. Früher wurde versucht, vordergründig mit Ausgleich zu arbeiten – und hinter der Bühne zu regeln, was machbar war. Jetzt blieb die Führungskraft präsent, sprach die Wirkung offen an und machte klar, was erwartet wurde – ohne Drohung, ohne Beschwichtigung.

Das veränderte den Ton. Nicht sofort. Aber nachhaltig.

Neurobiologie der Entscheidung

Was in solchen Momenten passiert, lässt sich neurobiologisch präzisieren. Unter anhaltendem Druck verengt sich der kognitive Radius. Das limbische System übernimmt. Entscheidungen werden reaktiver, kurzfristiger, auf Schadensvermeidung ausgerichtet.

Achtsamkeitspraxis trainiert genau das, was in diesen Momenten fehlt: die Fähigkeit, zwischen Reiz und Reaktion eine bewusste Pause zu erzeugen. Nicht um zu zögern. Sondern um zu wählen.

Präsenz heißt nicht, dass der Druck verschwindet. Sie heißt, dass man unter Druck handlungsfähig bleibt. Genau dort – in diesem Moment zwischen Impuls und Entscheidung – entscheidet sich Führungsqualität.

Das ist auch der Grund, warum Führungskräfte, die diese Praxis ernstnehmen, in der Regel nicht sanfter werden. Sie werden präziser. Ihre Kommunikation verliert Rauschen. Ihre Entscheidungen gewinnen Klarheit. Und ihr Umfeld spürt den Unterschied – auch wenn es ihn nicht benennen kann.

Der reife Krieger

Es gibt ein Bild, das mir in diesem Kontext immer wieder begegnet: das des reifen Kriegers. Nicht jemand, der auf Konfrontation aus ist. Sondern jemand, der gerade weil er standfest ist, daran interessiert ist, Eskalation zu vermeiden.

Nicht aus Angst. Aus Souveränität.

Gelassenheit entsteht nicht durch Rückzug. Sie entsteht durch innere Aufrichtung. Wer innerlich stabil steht, muss weniger kämpfen – weil er nicht mehr beweisen muss, dass er standhält.

Achtsamkeit ist in diesem Sinne kein Gegenpol zu Entschiedenheit. Sie ist deren Voraussetzung. Wer wirklich präsent ist, kann klar handeln, ohne sich zu verhärten. Konflikte führen, ohne zu zerstören. Standfest bleiben, ohne starr zu werden.

Was das für Ihre Führung bedeutet

Wenn Sie Achtsamkeit bisher als Entspannungstechnik verstanden haben – als etwas, das man nebenher macht, um besser schlafen zu können –, dann ist das eine legitime Anwendung. Aber sie lässt das Wesentliche ungenutzt.

Die eigentliche Frage ist: Wie klar sind Sie unter Druck? Wie präsent sind Sie in dem Moment, in dem eine Entscheidung wirklich zählt? Wie ehrlich sind Sie mit dem, was Sie in Ihrer Organisation sehen – und wie konsequent handeln Sie danach?

Diese Fragen sind unbequem. Und sie sind teuer, wenn man sie nicht stellt.

Achtsamkeit sollte uns nicht verleiten, Konflikten aus dem Weg zu gehen. Sie hilft, Konflikte so zu führen, dass sie konstruktiv werden. Damit Entscheidungen wirksam werden können.

Jon Kabat-Zinn ist einer der Pioniere, die Achtsamkeit konsequent in hochverantwortlichen Kontexten etabliert haben – Medizin, Wissenschaft, Führung und Organisationen. Jon hat am Massachusetts Institute of Technology (MIT) unter dem Nobelpreisträger Salvador Luria in Molekularbiologie promoviert. Er ist Gründer und ehemaliger Geschäftsführer des 1995 etablierten Center for Mindfulness in Medicine, Health Care and Society(CFM) an der University of Massachusetts Medical School.

Als vielfacher internationaler Bestseller-Autor und Begründer des weltweit etablierten Programms Mindfulness-Based Stress Reduction (MBSR) hat maßgeblich dazu beigetragen, dass Achtsamkeit heute aus einem modernen Verständnis von Professionalität nicht mehr wegzudenken ist. Ein Trainingsprogramm, das nicht sediert, sondern wach macht. Nicht konturlos weich, sondern souverän und klar. Nicht konfliktscheu, sondern verantwortungsvoll. In seinen Vorträgen und Publikationen wird immer wieder deutlich: Achtsamkeit ist kein Rückzug aus der Welt, sondern eine Einladung, ihr ungeschönt zu begegnen.

Johannes Narbeshuberist Executive Coach, Organisationsentwickler, Autor und Speaker. Er begleitet Führungskräfte an der Schnittstelle von innerer Entwicklung und organisationaler Wirksamkeit – in Entscheidungssituationen, die zählen.

Innere Klarheit. Wirksame Führung.