Innere Klarheit. Wirksame Führung. Über blinde Flecken, drei Ebenen des Widerstands – und warum die entscheidende Führungsfrage keine strategische ist.
Meine ersten Begegnungen mit Otto Scharmer fanden bei Trigon statt – beim Dialog-Symposion mit Rudi Ballreich, später bei der 30-Jahres-Feier von Trigon, die Trude Kalcher, Oliver Martin und Ingo Bieringer organisierten und bei der auch Gunther Schmidt und Ursula Cook-Greuter dabei waren. Zwei Tage, die an Dichte kaum zu überbieten waren.
Es war bei dieser Gelegenheit, dass Otto mich zu einer Veranstaltungswoche nach Vermont einlud, bei der ich auch Daniel Siegel, Dan Goleman, Peter Senge und den Kern des Mind and Life Instituts kennenlernte. Später kam Otto zu den Rhize Up Days nach Salzburg. Jede dieser Begegnungen hat etwas hinterlassen. Eine Frage, die er immer wieder stellt, ist mir am deutlichsten geblieben:
Von welchem inneren Ort aus führst du eigentlich?
Diese Frage klingt zunächst abstrakt. Sie ist es nicht. Sie ist die präziseste Diagnose, die ich kenne.
Was wir nicht sehen, wenn wir führen
Otto Scharmer beginnt mit einem blinden Fleck. Nicht dem blinden Fleck einer Führungskraft in einer bestimmten Situation – sondern einem strukturellen: Wir können beobachten, was wir tun. Wir können manchmal beobachten, wie wir es tun. Aber selten beobachten wir, von wo aus wir es tun – aus welchem inneren Zustand, aus welcher Haltung, aus welchem Verständnis von uns selbst und der Situation.
Dieser blinde Fleck, sagt Scharmer, ist der eigentliche Ort, an dem Führungsqualität entschieden wird. Nicht im Strategie-Meeting. Nicht im Jahresgespräch. Sondern in dem Moment, in dem jemand entscheidet, wie er in eine Situation eintritt – und von welchem inneren Ort aus er das tut.
Zwei Führungskräfte können dieselbe Entscheidung treffen, dieselben Worte sprechen, dieselbe Methode anwenden – und eine völlig unterschiedliche Wirkung erzielen. Der Unterschied liegt nicht im Was. Er liegt im Woher.
Führung, die ihren eigenen inneren Ort nicht kennt, reproduziert Vergangenheit. Auch wenn sie Veränderung beabsichtigt.
Das ist der Kern von Scharmers U-Theorie. Und es ist eine der unbequemsten Einsichten, aus meiner Arbeit mit Führungskräften.
Die drei Ebenen des Widerstands
Auf dem Weg zum inneren Ort – zum Presencing, wie Otto Scharmer es nennt – stehen drei Schwellen. Drei Ebenen, auf denen Transformation scheitert. Nicht weil Menschen zu dumm oder zu schwach wären. Sondern weil jede Ebene einen eigenen, legitimen Widerstand erzeugt.
Die erste Ebene ist das Nicht-Wissen. Wir sehen nicht, was wir nicht sehen. Wir hören, was wir erwarten zu hören. Wir interpretieren Neues durch alte Muster. Das ist keine Dummheit – es ist Neurobiologie. Das Gehirn schützt sich vor Überforderung durch Schematisierung. Was nicht ins Schema passt, wird nicht wahrgenommen oder sofort eingeordnet. Führung, die hier ansetzt, muss zuerst den Blick öffnen – nicht mehr Informationen liefern, sondern die Qualität der Wahrnehmung verändern.
Die zweite Ebene ist das Nicht-Wollen. Wir sehen, was ist – aber wir wollen es nicht sehen. Nicht aus Böswilligkeit, sondern weil echtes Hinschauen oft bedeutet, die eigene Rolle in einem Problem anzuerkennen. Das ist die emotionale Schwelle. Hier schützt sich das Herz vor dem, was der Kopf schon längst – theoretisch – verstanden haben mag. Führung, die hier ansetzt, braucht mehr als Analyse – sie braucht Mut und einen sicheren Raum.
Die dritte Ebene ist das Nicht-Handeln-Können. Wir sehen. Wir fühlen die Belastungen und Spannungsfelder der gegenwärtigen Situation. Aber wir handeln nicht – weil das Handeln bedeuten würde, etwas loszulassen, das uns definiert. Eine Rolle. Eine Identität. Eine Art, die Welt zu verstehen. Das ist die existenzielle Schwelle. Scharmer nennt sie das Loslassen des alten Selbst. Und sie ist, in meiner Erfahrung, die häufigste Ursache dafür, dass gut gemeinte Veränderungsprozesse in Organisationen stecken bleiben.
Der innere Ort als Führungsgrundlage
Was jenseits dieser drei Schwellen liegt, nennt Scharmer Presencing – eine Verbindung aus Presence und Sensing. Es ist der Zustand, in dem eine Führungskraft nicht mehr aus der Vergangenheit heraus handelt, sondern aus dem, was entstehen will. Nicht reaktiv. Nicht aus alten Mustern. Sondern aus einer Qualität der Wahrnehmung, die offen genug ist, das Neue wirklich einzulassen.
Das ist keine Mystik. Es ist eine Beschreibung eines inneren Zustands, den viele Führungskräfte kennen – auch wenn sie ihn nicht so benennen würden. Momente, in denen eine Entscheidung nicht aus Berechnung entstand, sondern aus Klarheit. In denen nicht das Klügste getan wurde, sondern das Richtige. In denen Führung sich nicht wie Kontrolle anfühlte, sondern wie Ausrichtung.
Der Qualität der Aufmerksamkeit, die wir in eine Situation einbringen, entspricht die Qualität des Ergebnisses, das entsteht.
Scharmer sagt das nicht als Einladung zur Kontemplation. Er sagt es als operative These. Und sie ist empirisch überprüfbar – in jedem Gespräch, jeder Entscheidung, jeder Begegnung.
Was das in der Praxis bedeutet
Ein Beispiel aus meiner Arbeit. Ein Geschäftsführer – nennen wir ihn R. – leitete seit Jahren ein Unternehmen in einer Branche unter hohem Transformationsdruck. R. war erfahren, belastbar, analytisch stark. Und er war – ohne es so zu nennen – auf der ersten Schwelle feststeckend: Er hörte, was er erwartete zu hören.
In Meetings nahm er hauptsächlich Informationen auf, die seine bestehende Einschätzung bestätigten. Kritische Stimmen aus dem Team wurden zwar formal gehört, aber nicht wirklich verarbeitet. Neue Marktentwicklungen wurden durch das Raster alter Erfahrungen interpretiert. Das Ergebnis: Strategische Entscheidungen, die konsistent zu spät kamen. Nicht weil R. uninformiert war – sondern weil sein innerer Ort das Neue systematisch filterte.
Was sich im Coaching als wirksam erwies, war keine neue Strategie-Methode. Es war eine Übung in Wahrnehmungsqualität: R. begann, in wichtigen Gesprächen aktiv auf das zu achten, was ihn überraschte – nicht auf das, was seine Einschätzung bestätigte. Er führte nach Meetings kurze Notizen darüber, was er gehört hatte, das er nicht erwartet hatte.
Das klingt trivial. Es ist es nicht. Es ist der Beginn der Arbeit an der ersten Schwelle. Und bei R. veränderte es innerhalb weniger Monate, wie er Gespräche führte, wie er Signale aus dem Markt aufnahm, wie er mit seinem Führungsteam umging. Die Entscheidungsqualität verbesserte sich – nicht weil R. klüger geworden war, sondern weil sein innerer Ort offener geworden war.
Später, als mehr Vertrauen im Prozess entstanden war, kamen wir zur zweiten Schwelle: was R. sah, aber nicht wollte. Das war härtere Arbeit. Aber sie war nur möglich, weil die erste Schwelle bereits überwunden war.
Von wo aus führen Sie?
Die Frage, die Scharmer stellt, ist keine, die man einmal beantwortet. Sie ist eine, die täglich neu beantwortet wird – in jedem Meeting, in dem man entscheidet, ob man wirklich zuhört oder nur wartet, bis man sprechen kann. In jeder Entscheidung, in der man merkt, ob man aus Klarheit handelt oder aus Angst. In jedem Moment, in dem man wählt, ob man das Vertraute schützt oder das Mögliche einlässt.
Ich begleite Menschen, deren Fehlentscheidungen viel Geld kosten. Und fast immer, wenn ich genau hinschaue, liegt der Ursprung nicht in fehlenden Informationen oder schlechter Analyse. Er liegt in einem inneren Ort, der zu eng geworden war. Der gefiltert hatte, was nicht sein durfte. Der sich selbst schützte, statt zu führen.
Das ist keine Kritik. Es ist eine Einladung. Denn der innere Ort ist nicht fixiert. Er lässt sich erweitern und vertiefen. Schritt für Schritt – wenn man bereit ist, die drei Schwellen zu gehen.
Wirksame Führung beginnt nicht mit einer besseren Strategie. Sie beginnt mit der Frage: Von wo aus handle ich gerade?
Das habe ich von Otto Scharmer gelernt. Bei Trigon, bei der Academy of Ethical and Contemplative Leadership in Vermont, und jetzt bei den Rhize Up Days in Salzburg: Dass die entscheidende Frage der Führung keine strategische ist. Sie ist eine innere.
Dr. Otto Scharmer ist Senior Lecturer am Massachusetts Institute of Technology (MIT )und Begründer der U-Theorie, einem der einflussreichsten Führungs- und Transformationsmodelle der Gegenwart. Er ist Mitgründer des Presencing Institute und berät Organisationen, Regierungen und internationale Institutionen weltweit. Sein Buch Theorie U gilt als Standardwerk der systemischen Organisations- und Führungsentwicklung.
Johannes Narbeshuber ist Executive Coach, Organisationsentwickler, Autor und Speaker. Er begleitet Führungskräfte an der Schnittstelle von innerer Entwicklung und organisationaler Wirksamkeit – in Entscheidungssituationen, die zählen.
Innere Klarheit. Wirksame Führung.
