Werner A. Leeb: Spiegeln
Werner Leeb Diplom systemischer Coach (Trigon), international Certificate der IOBC und zert. Coach nach ISO 17024

Beim Spiegeln unterscheiden Psychologie und Kommunikationstheorie in symmetrische versus anti-symmetrische Spiegelung, wobei erstere der mehr oder weniger identen Wiedergabe bzw. Wiederholung einer Formulierung oder eines Verhaltens (Form und Inhalt bleiben gleich) entspricht, während letztere zwar die Form ident lässt (also z.B. die Aussage), jedoch den (gemeinten) Inhalt überzeichnet, verändert oder gar in sein Gegenteil verwandelt, ein Phänomen, dessen sich der Humor aber z.B. auch die Provokative Therapie (nach F. Farelly, einem Schüler von Rogers) bedient.

Wofür setze ich Spiegelungen ein?

Für den Einsatz des Spiegelns gilt natürlich auf Seiten des Coach eine grundlegend empathische und wohlwollende Haltung. Wäre diese nicht gegeben, dann würden sich Coachees zurecht provoziert oder nicht ernst genommen fühlen und mit hoher Wahrscheinlichkeit das Coaching abbrechen bzw. beenden. Eine Spiegelung bietet sich vor allem dann an, wenn wir eine Aussage, Emotion oder ein Verhalten(smuster) der Coachees unterstreichen und/oder hervorheben möchten, sei es, um dieses zu verstärken oder aber Widersprüche und/oder Muster aufzuzeigen, die sich den Coachees offensichtlich entziehen – hier ein paar Beispiele dafür:

Beispiel 1

Coachee: „Alle meine Kollegen und Vorgesetzten nützen mich immer aus! Jeder schiebt mir alle Aufgaben zu! Alles was unangenehm und zeitaufwändig ist, landet bei mir! …“
Coach: „Alle Ihre Kollegen und Vorgesetzten nützen Sie also ausnahmslos und immer aus! Jeder schiebt Ihnen also all seine Aufgaben zu und alles was unangenehm und zeitaufwändig ist landet immer bei Ihnen! (die kursiv geschriebenen Stellen werden besonders betont!)

Kommentar: Die Coachee hat in Ihrer persönlichen Betroffenheit das subjektive Gefühl des Ausgeliefertseins und der Überforderung, was sie dazu bringt zu generalisieren und zu pauschalisieren. Der Coach betont gerade diese überzogenen Wahrnehmungen und weist damit auf die zugrundeliegende Struktur hin.

Beispiel 2

Eine sehr engagierte und stark kognitiv orientierte Coachee in einer verantwortungsvollen Expertinnen-Position beschreibt wiederholte Erfahrungen, immer wieder aufwendige Expertisen ausgearbeitet zu haben, welche mit extremem Zeit- und Ressourcenaufwand ihrerseits verbunden waren, die jedoch teilweise nicht gewürdigt wurden, sich andere auf ihre Fahnen geheftet hatten, die mangels Ressourcen dann doch nicht realisiert werden durften usw. usf. Immer wieder kommen Sätze wie „Es reicht mir!“, „Ich kann nicht mehr!“ oder „Ich bin es so satt, wofür das Ganze!“ vor, wobei diese Sätze en passant und mit auffällig wenig Emotion eingestreut werden.
Der Coach spiegelt genau diese Passage mit langsamer, ernster Stimme und „stimmiger“ Emotion (überzeichnet stellenweise sogar die Formulierung): „Ich kann nicht mehr! – Es reicht mir einfach! – Ich bin es sooo satt!Wofür mach’ ich das Ganze?“ … Der Coachee steigen Tränen in die Augen, die Körperspannung fällt ab und mit voller Emotion sagt sie: „Ich will einmal gesehen werden, Erfolg haben! Ich strenge mich so an und keiner sieht es!“ Die Coachee konnte durch den Einsatz des Spiegelns näher an ihre Emotionen herankommen, hat also vom „Erzähl-Modus“ auf den „Emotions-Modus“ wechseln können.

Beispiel 3

 

Ein Coachee mit starken Selbstzweifeln, wenig Selbstvertrauen und Gestaltungsmotivation sieht sich primär als Opfer der Umstände, neigt zu einer klagenden oder jammernden Haltung, sieht keine eigenen Ressourcen oder Kompetenzen und verwendet vielfach Formulierungen wie folgende:
Coachee: „Ich bekomme einfach nichts auf die Reihe!“, „Ich komme halt immer zu spät …“, „Ich würde ja gerne, aber es ist immer was dazwischen gekommen…“ usw.

Coach (in betont überzeichnendem Tonfall): „Sie bekommen also NIE etwas auf die Reihe, NIE! Sie sind IMMER zu spät, ausnahmslos!? Sie würden gerne was erreichen, aber JEDESMAL kommt ETWAS dazwischen…!?“

Mögliche Schritte beim Spiegeln

 

  • Genaues Hinhören, vor allem in welcher Form und wie etwas vorgebracht wird von Seiten der Coachees: Kommen Generalisierungen, Pauschalisierungen bzw. Verewigungen vor (alle, alles, jede/r, keine/r, immer, nie …), wird die Schuld immer bei anderen oder den Umständen gesucht (extrapunitives Verhalten, Ablehnung von Eigenverantwortung …) oder wird gegengleich immer die eigene Person abgewertet (Opferhaltung, geringer Selbstwert …) u.v.m.
  • Vor allem mehrfach wiederkehrende Formulierungen und „Stehsätze“ bzw. solche, die in einer auffälligen Diskrepanz zwischen Emotionalität und Inhalt stehen, bieten sich für das Spiegeln besonders an.
  • Gespiegelt wird entweder „wortwörtlich“ oder nur marginal umformuliert bzw. erweitert, um eine „Verstärkung“ der Aussage zu erreichen – diese kann sowohl inhaltlich als auch vor allem durch die Intonation, die Betonung, erfolgen.
  • Wenn eine Spiegelung im Sinne einer humorvollen Provokation erfolgt, so sollte dies auch immer zum Coach passen – wer sich diesbezüglich schwertut, sollte diese Methode meiden! Dies setzt eine sehr wertschätzende, humorvolle und „augenzwinkernde“ Haltung voraus – sie darf niemals als Abwertung der Coachees gemeint noch verstanden sein!!!
  • Manchen Coachees – vor allem jenen, bei welchen man bemerkt, dass sie unsere Hypothese und Intention (noch) nicht verstanden haben – sollten wir umgehend auch diese zur Verfügung stellen. Im beschriebenen dritten Fall kann dies heißen, dass wir zwar zuvor die Aussagen humorvoll überzeichnen, dann aber auch sofort darauf hinweisen, dass wir bei den Coachees zahlreiche Ressourcen bereits selbst bemerken konnten, wie z.B.: „Ich bemerke, dass Sie bislang pünktlich bei unseren Coaching-Sitzungen erschienen sind, dass Sie die Initiative ergriffen haben zu mir zu kommen, dass Sie Ihren Schulabschluss sehr wohl erreicht haben und wie Sie mir erzählt haben, diese und jene Jobs bereits inne hatten ….“ usw. usf. Damit werden die Coachees wieder re-fokussiert auf ihre Ressourcen und Kompetenzen, welche sich in ihrer „Problemtrance“ jedoch ihrer Wahrnehmung entzogen haben.

Wichtige Aspekte beim Einsatz

  • Nicht vorschnell agieren, sondern eigene Wahrnehmungen und Hypothesen (hinsichtlich Mustern, Formulierungen etc.) lieber ein paar Mal überprüfen.
  • Wertschätzend und wohlwollend mit tiefer Emotionalität agieren und/oder humorvoll mit einem Augenzwinkern (wem das nicht liegt, der sollte die Finger davon lassen!)
  • Wenn bei den Coachees Irritation oder „Nicht-Verstehen“ in Bezug auf die Intervention zu erkennen ist, erklären, was damit intendiert war, die eigenen Wahrnehmungen und Hypothesen dazu offenlegen und die Coachees in fragender Haltung dazu einladen, diese auf Stimmigkeit hin zu überprüfen i.S.v.: „Sehen Sie, bei Ihren Beschreibungen zuvor, sind mir diese oder jene Dinge aufgefallen … meine Hypothese dazu war …. lassen Sie uns das doch gemeinsam ansehen … könnte das für Sie einen Sinn ergeben? …“